Ich bin dann mal Geek! Komm‘ damit klar!

Meinung Plagiat Brettspiele Würfelmagier Amigo Lesezeit: 4 Minuten

Wer von uns kennt sie nicht? Die Blicke!!! Die Blicke nachdem man offenbart hat, dass man sich in seiner knapp bemessenen Freizeit mit Kinderspielen äääääääh Brettspielen beschäftigt. Und der Witz mit den Bettspielen ist übrigens auch alt mittlerweile… Selbst Menschen, die als Erwachsene Computerspiele spielen, werden nicht so mitleidig gemustert wie wir Brettspieler – schließlich gibt es da ja auch E-Sport-Profis, die damit riiiiiiichtiiiig viel Geld verdienen. Aber wir kennen sie alle, die Blicke… Zeit dagegen aufzubegehren!


Die letzten Jahre haben dafür gesorgt, dass Brettspiele akzeptiert werden als Hobby…dachten SIE! Das ist mitnichten so und es gibt immer noch wahnsinnig viele Menschen, die nicht glauben können, dass man als Erwachsener so viel Zeit mit so einem Kinderkram verschwenden kann – ja genau, du hast richtig gelesen, VER-SCHWEN-DEN!
Und dazu dann noch ein leicht süffisantes Lächeln, wenn man bestätigt, dass das Gerücht aus der Nachbarschaft wahr ist. Hinter vorgehaltener Hand wurde schon lange drüber getuschelt und dann hat sich endlich einer getraut mal zu fragen.

„Warum braucht man eigentlich so viele Spiele? Ist doch Quatsch und vollkommen unnötig!“

„Eine Spielesammlung mit Mensch ärgere dich nicht und Mühle reicht doch völlig aus!“

„Außerdem kann man auch mit einem einzigen Kartenspiel schon sooo wahnsinnig viele verschiedene Spiele spielen. Skat, MauMau…“

„Mehr als 25 Euro soll das Spiel kosten? Viel zu teuer!“

„Die Anleitung hat mehr als 2 Seiten? Das ist bestimmt so ein kompliziertes Strategiespiel, nix für mich.“

„Also wir spielen am liebsten Monopoly und UNO. Andere Spiele brauchen wir nicht!“

Die Liste der Vorurteile und gedroschenen Phrasen ließe sich unendlich fortsetzen. Wir sind nun mal Geeks…ist doch nix schlimmes, oder?

Für manche schon, denn der Geek ist zunächst mal ein sonderbares Wesen. Die Wortbedeutung geht zurück auf Jahrmarktdarsteller, die lebendigen Tieren den Kopf abbissen. „uuurgh“ Das deutsche Wort Geck bezeichnet einen Narren oder Toren. Klingt bis jetzt noch nicht nach einem friedvollen und geistreichen Spieleabend unter Freunden. Allerdings hat auch dieser Begriff über die Zeit eine Wandlung durchgemacht und bezeichnet mittlerweile Menschen, die sich sehr intensiv mit einem bestimmten Thema oder Hobby auseinandersetzen. So finden sich Geeks im Bereich der Technik/Informatik, des Films und eben bei Brettspielen. Was aber unterscheidet diese Geeks eigentlich von anderen Menschen, die sich intensiv mit ihrem Hobby auseinandersetzen? Eigentlich nichts, wenn wir ehrlich sind.

Blicken wir auf andere Lebensbereiche, finden wir auch da Geeks:
Den Fußballfan, der weiß, wer im März 1983 in einem Spiel auf regennassem Platz ausgerutscht ist und danach einen blauen Fleck am Po hatte.
Den Weinliebhaber, der nur am Geruch erkennt, welche Traube aus welcher Region im Wein verarbeitet wurde.
Den Kunstkenner, der im Nu Künstler und Epochen benennen kann und weiß, wie viele Farbschichten das Bild von Gerhard Richter hat.
Den Operngänger, der selbst bei italienischen Opern den Text auswendig kann und vielleicht sogar mitsingt.

Was unterscheidet sie eigentlich von uns Brettspielern, die am ausgepöppelten Stanzbogen erkennen, welches Spiel da gerade gekauft wurde? Eigentlich nichts, wenn wir ehrlich sind. Und trotzdem müssen wir Brettspiel-Connaisseure uns stets den Vorwurf gefallen lassen, infantil zu sein. Mich ärgert das mitunter und ich frage mich wirklich, wie wir das nachhaltig ändern können!? Wie kann man mehr Anerkennung für ein Hobby erhalten, dass von vielen immer noch als Kinderkram abgetan wird oder als Tätigkeit von Menschen, die so wenig Kontakt wie möglich zu anderen Menschen haben wollen. Letzteres regt mich besonders auf! Denn Spielen ist Kommunikation und Interaktion und nicht Abschottung. Wir sitzen nicht im Keller und spielen obskure Dämonen beschwörende Spiele – okay, manchmal schon – aber eben nur im Spiel!

Jeder, der einmal auf den Internationalen Spieltagen in Essen oder einer anderen Ansammlung von Brettspielbegeisterten war, wird merken, was für ein unvoreingenommenes und offenherziges Völkchen wir merkwürdigen Brettspieler doch sind. Da sitzen 70-jährige pensionierte Professoren der Gesellschaftswissenschaften neben 23-jährigen langhaarigen Deathmetal-Fans und diskutieren ernsthaft darüber, ob das neue Zombie-Kartenspiel auf dem Tisch das Zeug zum Publikumshit hat. Wo sonst kann man generationen- und schichtenübergreifend so friedvoll miteinander umgehen? Und genau das ist es was wir allen klar machen müssen. Wir sind Geeks, na und?

Wir Spieler sind kommunikativ, offen und haben selten, wirklich nur ganz selten, Denkverbote. Klar sind wir Geeks! Brettspiel-Geeks, die statt sämtlichen kicker-Ausgaben seit 1983 eben vielleicht jedes Spiel des Jahres im Schrank haben. Große Publikumsveranstaltungen helfen da sicherlich und locken auch mal den einen oder anderen Neuling an. Und ich glaube, das ist der einzige Weg. Öffentlichkeit suchen und so viele Menschen wie möglich zum Spielen bringen. Mitunter ist es mühsam, aber es lohnt sich. Denn wenn man einmal gesehen hat, wie sich jemand, der eigentlich überhaupt keine Lust auf Brettspiele hatte, auf einmal in ein Spiel reinfuchst und sich dann tierisch ärgert, wenn der Gegner ihm den letzten und vielleicht siegbringenden Zug blockiert, wer das kennt, der weiß, warum wir spielen. Und am Ende des Abends sitzt man noch zusammen und redet und lacht darüber was so alles passiert ist. In unserer durchdigitalisierten Welt ist es genau das was Brettspiele bieten können. Eine analoge Feuerstelle um die sich alle versammeln und sich gemeinsam die Zeit vertreiben mit Geschichten und fremden Welten oder einfach nur einem spaßigen Abend.

Und das Tollste: Nach dem Spiel ist vor dem Spiel. Das gilt für Fußball-Geeks genauso wie für Brettspiel-Geeks.

Tragt euer Hobby und eure Leidenschaft nach draußen und seid stolz darauf ein Geek zu sein. Erwähnt es bei jeder Gelegenheit und macht den Menschen klar, wie toll es ist, gemeinsam mit anderen am Tisch zu sitzen und zu spielen, dabei zu reden, zu grübeln und sich diebisch zu freuen, wenn eine geplante Strategie aufgeht.

Und noch etwas schätze ich sehr am Spielen: Man lernt Niederlagen als Chance zu begreifen. Beim nächsten Mal möchte man es besser machen. Wo sonst im wahren Leben kann ich einfach mal was probieren („Dann kauf ich dieses Werkzeug eben für alles Gold, das ich habe!!!“) ohne Angst vor den Konsequenzen haben zu müssen?! Auch das geht nur im Spiel…

Und jedem, der das alles nicht akzeptieren will, dem kann man nur schulterzuckend sagen:

„Ich bin eben ein Geek, komm‘ damit klar!“

August 17th, 2018 by