Zug um Zug nach Westen – Pioneers von Emanuele Ornella (Queen Games, 2017)

Der große Treck nach Westen begründete den Mythos des Wilden Westens und zog einige Zeit später geradezu eine Heerschar an Literatur und glorifizierenden Filmen nach sich. Dabei waren die Trecks alles andere als angenehme und komfortable Reisen. Häufig wurden sie überfallen, das Essen war schlecht und wenn jemand krank wurde, war die Wahrscheinlichkeit hoch, dass sie oder er starb.
Der große Treck aus dem Jahr 1930, übrigens der erste Film mit dem später weltberühmten John Wayne, zeigte die Strapazen dieser Siedler und Pioniere sehr deutlich. Er war eine sehr wichtige Initialzündung für die Entwicklung des Westerngenres im Filmbereich mit all seinen tollen und auch eher durch- und unterdurchschnittlichen Filmen. Natürlich ist das Thema gerade in den USA omnipräsent und auch Brettspiele werden immer wieder davon inspiriert. Kein Wunder bei einem derartigen Ereignis, das die Entwicklung ein ganzen Landes maßgeblich geprägt hat.
2017 erschienen auf der Spiel in Essen alleine drei mir bekannte Spiele zum Thema Besiedlung des Westens. Montana von White Goblin Games, Pioneer Days von Tasty Minstrel Games sowie Pioneers von Queen Games. Zeit, sich den einen Vertreter dieser Art mal vorzunehmen und zu schauen, wie viel Thema hier denn transportiert wird.


Wie Pioneers gespielt wird

Spielertableau von Pioneers Queen Games

Klare Strukturierung des Spielzuges auf dem Spielertableau von Pioneers

Der eigene Spielzug gliedert sich bei Pioneers in drei kurze Schritte, die auch auf dem Spielertableau klar und strukturiert abgebildet sind: Einkommen kassieren, Wegenetz ausbauen und/oder neue Kutsche besorgen sowie den Treck über den Plan steuern und Pioniere ausbringen.

Der Kernmechanismus: In einer Stadt können nur dann Pioniere eingesetzt werden, wenn diese die richtigen Berufe haben. Jede Stadt fordert einen bestimmten Typ an Pionier. Die Verteilung der geforderten Pioniere in den Städten des Spielplans ist zufällig und in jedem Spiel anders. Die Pionier-Meeple sind in den Kutschen den verschiedenen Berufen zugeordnet und können somit nur in den entsprechenden Städten eingesetzt werden. Hat man keinen passenden Pionier, kommt man in die Stadt gar nicht erst rein – „Diese Stadt ist zu klein für uns, Fremder!“. Die Kutschen kann man während seines Spielzugs kaufen und so beeinflussen, in welchen Siedlungen man Pioniere einsetzen kann, denn die Kutschen zeigen immer unterschiedliche Kombinationen an Pionieren. Hat man dies geschickt getan, dann bringen die Pioniere dauerhafte oder einmalige Vorteile – der Banker beispielsweise dauerhaft mehr Einkommen, das Hotel bringt einmalig Geld, der Barkeeper einmalig den Effekt einen Pionier einfach aus einer eigenen Kutsche entfernen zu können ohne ihn auf dem Plan einzusetzen. Letzteres klingt erstmal unsinnig, will man die Pioniere doch auf dem Plan einsetzen. Aber jede leergeräumte Kutsche bringt auch noch mal Punkte und etwas Geld. Nach dem eigenen Spielzug hat nun genau einer der Mitspieler die Möglichkeit in derselben Stadt einen Pionier gleicher Art zu platzieren – den muss sie oder er natürlich in einer der Kutschen vorweisen können. Zusätzlich erhält der aktive Spieler für diesen „Freundschaftsdienst“ ein kleines Handgeld von 2 Dollar.

Spielplan Pioneers Queen Games

Der Treck gen Westen kommt Stück für Stück voran

Das Auslegen der Wege ist dabei in dreifacher Hinsicht interessant und gewinnbringend für die Spieler: Zunächst mal bringt das größte eigene Netzwerk am Ende Punkte (sofern auch Pioniere drin platziert sind). Darüber hinaus nutzt es den Spielern aber auch auf andere Weise: Es kostet nämlich Geld den Treck über den Plan zu steuern und in die passenden Städte zu bringen – und zwar 1 Dollar je benutztem Weg. Benutzt man dabei Strecken, die einem selbst gehören, zahlt man nichts. Benutzen Mitspieler jedoch  meine Wege oder man deren, erhält der entsprechende Besitzer des Weges den zu zahlenden Dollar und nicht die Bank. Das ist mitunter eine nette taktische Möglichkeit, den ein oder anderen Dollar zu erhalten – das nennt sich dann Quersubvention.
Hat einer der Spieler alle Wege verbaut, endet das Spiel und die laufende Runde wird noch zu Ende gespielt. Am Ende gibt es dann noch 2 Punkte für jeden meiner Pioniere, die innerhalb meines größten zusammenhängenden Wegenetzes stehen sowie einen Punkt für jeden Platz, der in einer noch vor mir liegenden Kutsche nicht mehr besetzt ist – leergeräumte Kutschen werden direkt während des Spiels gewertet. Der Spieler mit den meisten Punkte gewinnt.


Was uns an Pioneers gefallen hat

Pioneers hat einen einfachen Kernmechanismus und ist schnell erklärt. Ist man erst mal die ersten paar Züge unterwegs gewesen, spielt es sich sehr fluffig und die Downtime ist äußerst gering. Dabei gibt es jedoch immer genügend Handlungsoptionen und man fährt sich selten mit seiner Kutsche fest. Das ist alleine schon deshalb der Fall, da man zu Beginn der Runde immer ein Einkommen von mindestens zwei Dollar erhält (mit Banker auf dem eigenen Tableau sogar noch mal mehr). Dadurch wird das Spiel sehr familienfreundlich und es gibt wenig Probleme mit dem flüssigen Spielablauf.

Pioneers Queen Games

Pioneers geht auch zu zweit gut

Zunächst erscheint der Mechanismus, dass man als Spieler vom anderen Spieler beim Platzieren der Pioniere profitieren kann, merkwürdig. Aber schon nach kurzer Zeit merkt man, dass man darüber eine Menge steuern kann. So dient es mitunter als gute Einnahmequelle, wenn man mal Geld braucht. Geld ist nämlich immer knapp, auch wenn man es zu Beginn der Runde quasi automatisch erhält. Gerade Richtung Ende, wenn man auf dem Spielplan noch mal eine größere Bewegung machen möchte, hilft so eine Handvoll Dollar dann eben doch weiter.

Der Aufbau mit den zufällig verteilten Personen-Plättchen macht das Spiel sehr variabel. Dazu kommt die sich nur langsam entfaltende Kutschen-Auslage, die unter Umständen gar nicht die aktuell notwendigen Personen bereithält. So muss man oftmals taktisch agieren, je nachdem wie das Spiel verläuft und welche Optionen es bereithält.

Ähnlich wie bei Merlin ist auch Pioneers blitzsauber produziert. Hochwertige Komponenten und eine überwiegend klare grafische Gestaltung wissen hier zu gefallen. Auch wenn das Thema beliebig durch Weltraum oder Handelsrouten im Mittelalter zu ersetzen wäre, hat man nie das Gefühl, dass es allzu sehr aufgesetzt wäre und es ergibt sich ein sehr stimmiges Gesamtbild.


Was uns an Pioneers nicht gefallen hat

Hier gibt es wenig zu meckern, handelt es sich bei Pioneers doch um ein solides und etwas gehobeneres Familienspiel. Dennoch gibt es ein paar Punkte, die man kritisieren könnte.

Auch wenn der Ansatz von Pioneers ist, „nur“ ein gehobenes Familienspiel zu sein, hatten wir ab und an das Gefühl, dass da mehr drinsteckt und an der ein oder anderen Stelle noch mal etwas „Bumms“ gefehlt hat. So hat man kaum die Möglichkeit einem Mitspieler in die Parade Kutsche zu fahren, wenn der erst mal die wenigen zu Beginn erreichbaren Banker ergattert und damit sehr viel Geld zur Verfügung hat. Hier hätten wir uns noch mehr Interaktion und ein paar kleine Gemeinheiten gewünscht. Das könnte man ja auch als Modul gestalten, schließlich hat man ja in der Vergangenheit bereits mit den Queenies gute Erfahrungen gemacht. So würde man den Familienspiel-Charakter nicht verderben und würde die Viel- und Kennerspieler ins Boot holen können. Vielleicht wurde hier im Entwicklungsprozess auch ein wenig viel weggeschnitten, um das Spiel in die richtige Richtung zu lenken.

Leider ist in Pioneers vergleichsweise wenig Thema vorhanden, auch wenn das im Spielverlauf überhaupt nicht stört. Außer den hübschen Zeichnungen der Pioniere und der Kutschen kommt wenig Wild West Feeling auf. Ich weiß, wir sind mittlerweile verwöhnt von Spielen, die sehr aufwändig versuchen sich einem Thema zu nähern. Trotzdem würde ich mir wünschen, dass man auch bei solchen, eigentlich soliden Familienspielen, etwas mehr zum Thema des Spiels erfährt. Es wäre ein Leichtes zumindest auf einer Seite der Anleitung etwas darüber zu verlieren, wie die Besiedelung des Westens der USA abgelaufen ist. Quellen gibt es dazu wahrlich genug. Das ist zwar in gewissem Maße aufwändig, fördert aber meines Erachtens die Wahrnehmung des Spiels als Kulturgut. Aber vielleicht ist mein Anspruch hier auch einfach zu hoch, nachdem ich bei anderen Spielen gesehen habe, wie man sich einem Thema annähern kann (bspw. 13 Tage – Die Kubakrise).

Auf der Packung ist das Spiel zudem bereits für acht Jahre alte Mitspieler empfohlen. Dies erscheint mir ein wenig zu jung, da es doch einige taktische Entscheidungen zu treffen gilt, die den Horizont der meisten Achtjährigen übersteigen dürften. Nichtsdestotrotz können Achtjährige den Mechanismus bereits grundsätzlich verstehen und mitspielen, das stimmt wohl. Sie sind dann aber mit den zu treffenden Entscheidungen meines Erachtens überfordert und werden gegen die erwachsenen Gegenspieler in der Regel verlieren. Das wird bereits kurzfristig zu Frustration führen. Dazu kommt, dass das Spiel eben doch länger als 45 Minuten dauern wird und die Aufmerksamkeitsspanne der meisten Achtjährigen wohl am Ende übersteigen wird. Mir sind in letzter Zeit vermehrt solche gefühlt zu niedrigen Altersangaben bei Spielen untergekommen und nur bei den wenigsten würde ich einen Haken dran machen – und dann meistens auch nur mit Einschränkung. Ein für mich auffälliger Trend, die potenzielle Zielgruppe durch niedrige Altersangaben zu vergrößern.

Auch bei Pioneers sind, wie auch bei Merlin, übrigens keine Druckverschlussbeutel im Karton. Ein vielleicht nur kleines Ärgernis, das vielen Spielern jedoch übel aufstößt. Gerade bei Spielen mit vielen kleinen Teilen aus meiner Sicht ein No-Go. Hier muss Queen Games seine Politik überdenken. Entweder ein halbwegs vernünftiges Inlay produzieren oder Tütchen beilegen. Beides zu unterlassen ist aus meiner Sicht nicht tragbar – gerade bei einem Familienspiel!


Fazit zu Pioneers

Pioneers ist mehr Taktik denn Strategie und spricht demnach aufgrund des einfacheren Mechanismus vornehmlich Familienspieler an. Pioneers ist recht schnell erklärt und spielt sich sehr flott. Wenn alle Spieler erst mal drin sind, dauert ein Spielzug in der Regel deutlich weniger als eine Minute, so dass auch bei voller Besetzung keine Langeweile aufkommt. Man braucht ein paar Züge, um die Kniffe des Spiels zu verstehen, aber aus meiner Sicht ist es ein schönes und schnelles Familienspiel mit leicht gehobenerem Niveau. Material und Grafik sind gewohnt gut. Und mit Zug um Zug hat es dann am Ende doch nichts zu tun, auch wenn es zunächst so aussieht.

 

Vielen Dank an Queen Games für die Bereitstellung des Rezensionsexemplars.

März 23rd, 2018 by