Höher, schneller, Erster! – Wettrennen um Essen

Achtung! Es folgt eine eigene Meinung! Es darf gerne diskutiert werden.

Es ist wieder eröffnet – das Rennen um die ersten Plätze. Wie? Was? Am Buffet oder was? Na ja, mit Essen hat es schon zu tun. Aber nicht im Sinne von Instagram Food Porn oder Kalorien-Punkten. Nein, wie könnte es dieser Tage anders sein, es geht um die größte Spielemesse der Welt. Die startet in Kürze und im Vorfeld wird unglaublich viel berichtet.

Ist doch toll, könnte man meinen… Ja klar, Öffentlichkeit ist toll für unser verspieltes Hobby. Aber wie sieht diese Berichterstattung eigentlich aus? Vor und nach der Messe ist es für alle das reinste Wettrennen. Muss das eigentlich sein? Ich wundere mich immer, warum wir uns alle so unter Druck setzen. Jeder will der Erste sein. Jeder will als Erster über das neue mögliche Spiel des Jahres berichtet haben. „Erster!“ schallt aus allen Berichten dieser Tage heraus. Der Erste zu sein ist Trend kurz vor der SPIEL in Essen.

Und überhaupt: Top-10-Listen, Zusammenfassungen über die neuesten Neuheiten und die weitersten Erweiterungen etc. gibt es dieser Tage so viele, dass man gar nicht weiß, was man zuerst lesen, schauen oder hören soll. Ist ja grundsätzlich okay. Was mir dabei allerdings fehlt, ist die Vielfalt in unserem tollen vielfältigen Hobby. Alle berichten letztendlich im wesentlichen über die gleichen heißen Kandidaten und nur ganz selten sind mal ein paar Tipps außer der Reihe dabei. Schade eigentlich, denn abseits der Rennstrecken zwischen den großen Verlagen finden sich auch immer wieder kleine Perlen, die in den publizierten Rennlisten häufig genug gar nicht auftauchen. Hier würde ich mir im Vorfeld mehr Variabilität wünschen. Klar ist es schwer, gerade bei den kleinen ausländischen Verlagen, vorab an ausreichend Informationen zu kommen, aber genau das ist es ja, was ich von der Vorberichterstattung wünsche: Nicht die großen Titel noch größer machen – Pandemic Legacy Season 2 braucht wirklich kein Forum in allen Blogs und Podcasts -, sondern lieber mal schauen, was sonst so los ist in den Hallen mit den vielen kleinen Ständen. Berichte über die großen Spiele und den heißen Kram lese ich lieber hinterher, wenn sie dann wirklich auf dem Tisch lagen und man beurteilen kann, ob die Aufmerksamkleit gerechtfertigt war. Dann sind die kleinen Verlage aber schon wieder zu Hause und haben erst recht kaum noch die Chance, Aufmerksamkeit zu bekommen. Daher habe ich mich auch entschieden, selbst im Vorfeld nichts im Sinne einer Vorberichterstattung in meinem Blog zu schreiben – zumindest keine Top 10 Liste, keine Top Empfehlungen oder ähnliches – nur diesen kleinen “Rant” und eine kleine Liste in einem anderen Blog.

Ach so, und nach Essen geht es natürlich weiter. Alle laufen los und versuchen die Rezension und Besprechung zum heißesten Spiel vor allen anderen zu veröffentlichen. „Schnell, schnell!“ ist mittlerweile auch bei den Bloggern, Podcastern und YouTubern angesagt. Ich kann mich da kaum ausnehmen. Ich nehme mir aber heraus, das ein oder andere Spiel nicht im Expresstempo zu rezensieren, sondern mir Zeit zu nehmen und das Spiel wirklich mal zu entdecken. Das mag den Verlagen missfallen, wollen sie doch zur Veröffentlichung möglichst viel Buzz rund um ihr neues Produkt. Aber auch Verlage müssen doch Interesse an einer gewissen Nachhaltigkeit haben. Was nutzt es, wenn alle innerhalb von zwei Wochen ihre Rezensionen veröffentlichen, danach aber niemand mehr über das Spiel spricht? Rezensionen sollten sich doch verteilen, so dass ein kontinuierlicher Fluss an Berichterstattung erfolgt und nicht ein Tsunami an Rezensionen über die Konsumenten hereinbricht, der genauso schnell vorbei ist, wie er kam. Nicht immer Erster sein. Sich manchmal auch bewusst länger Zeit nehmen und auch mal über Spiele berichten, die vielleicht letztes oder sogar vorletztes Jahr auf der Messe erschienen sind (bei mir war das übrigens das tolle First Class). Ja, auch das soll es geben. Im Strudel der Neuheiten und der großen Nachrichten-Tsunamis bleibt vielleicht das ein oder andere gute Spiel zurück, das man dann einfach später noch mal aufgreift. Und außerdem reifen Spiele ja auch. Manchmal kann man erst ein Jahr später erkennen, welche Tragfähigkeit ein Spiel und sein Mechanismus wirklich haben. Trägt es noch, nachdem die erste Euphorie verflogen ist? Bei manchem heiß gehandelten Kandidaten ist schon nach einem halben Jahr die Luft raus, andere Titel spielen sich auch nach Jahren noch frisch und wie am ersten Tag. Diese Qualitäten zu entdecken ist auch Teil der Aufgabe unserer Zunft.

Was will ich mit meinem Beitrag eigentlich bezwecken? Ich wünsche mir, dass wir alle uns ein wenig besinnen. Einfach mal ein wenig Tempo rausnehmen aus diesem Rat Race rund um „Höher, schneller, Erster!“. Für die meisten ist es doch Hobby, neben dem „normalen“ Leben um Familie, Beruf & Co. Brauchen wir denn da auch noch Stress und Wettbewerb? Ich nicht! Öfter mal rechts und links schauen und nicht nur auf die lauten, sondern auch auf die leisen Töne achten. Wie gesagt, ich kann mich hier nicht ganz ausnehmen, aber ich kann versuchen mal ein paar Aspekte zu beleuchten, die mir, da ich mich nun etwa ein Jahr als Blogger betätige, aufgefallen sind – eben auch an mir selbst und meinem Verhalten. Ich werde versuchen, hier Maß an mich selbst anzulegen. Aber auch ich bin natürlich letztendlich heiß auf die üblichen Verdächtigen…da bin ich dann doch auch nur ein kleiner Boardgamegeek. 😉

In diesem Sinne freue ich mich schon auf die SPIEL, das Treffen mit Freunden und Bekannten und hoffentlich viele gute Gespräche rund um das tolle Hobby Brettspiele.

PS: In diesem Zusammenhang möchte ich auch im Vorfeld des großen Konsumfests noch mal auf die Spendenaktion zusammen mit dem Deutschen Kinderhilfswerk hinweisen. Die akzeptieren auch Paypal 😉

Oktober 21st, 2017 by