Category: Rezensionen

August 8th, 2017 by Dirk

“Sie sind mir auf den Fersen! Ich muss mich beeilen! Noch diesen Dschungelstreifen, einmal über den Fluss und dann bin ich da…” Doch plötzlich erscheint kurz vor dem Fluss ein anderer Forscher, der mir den Ruhm streitig machen will. Endspurt ist angesagt! Nun kommt es darauf an, die richtige Unterstützung zur Hand zu haben…

Ich muss zugeben, dass ich zunächst dachte: Oh…ein Wettlauf-Spiel – wie langweilig. Aber bei genauerer Beschäftigung mit dem Spiel und dem Mechanismus zeigte sich – mal wieder -, dass man ein Buch nicht nur nach dem Umschlag beurteilen sollte. Nicht umsonst befand sich Wettlauf nach El Dorado auch im Wettlauf um die Krone zum Spiel des Jahres, auch wenn es hier leider ins Hintertreffen geraten ist und den Thron einem anderen Spiel überlassen musste. Ob es dennoch überzeugen kann?

 

Wie es gespielt wird

Wettlauf nach El Dorado – ich nenne es ab hier einfach nur noch El Dorado – ist ein sogenanntes Deckbuilding Spiel. Bei dieser Art von Spiel versucht man das eigene Deck an Karten so weit zu optimieren, dass man möglichst schnell vorankommt und nicht zu viel Ballast mit sich herumträgt. Bei El Dorado ist dieser Mechanismus durch Reiner Knizia bis auf den absoluten Kern reduziert worden. Jeglicher Speck wurde weggeschmolzen.

Um loszurennen, wird zunächst die “Rennstrecke” aufgebaut und mit ein paar Blockaden gespickt. So hat jeder Spieler zunächst einen Eindruck, welche Fähigkeiten er benötigt, um als erster El Dorado zu erreichen. Jeder Spieler erhält ein Set aus acht Basis-Karten von denen er zunächst vier auf die Hand bekommt. Auf dem Tisch befindet sich zudem eine Marktauslage, mittels derer man im Spielverlauf die eigene Kartenhand verbessern kann. Und natürlich werden die Forscher noch auf dem Plan platziert.

In seinem Spielzug kann der Spieler nun so viele Handkarten wie er möchte ausspielen. Diese ermöglichen ihm entweder eine Bewegung auf dem Spielplan oder den Kauf einer neuen Karte vom Markt. Einige Karten ermöglichen auch Sonderaktionen, wie beispielsweise Karten vom persönlichen Nachziehstapel zu nehmen und andere Handkarten ganz zu entsorgen (auf diese Weise hält man sein Kartendeck schlank).

Wirkt die Auslage der Marktkarten zunächst erschlagend, so zeigt sich nach kurzer Beschäftigung damit, dass es im wesentlichen alles recht ähnliche Kartentypen sind. Sie unterscheiden sich in kleineren Details, die die Spieler schnell erfassen können. Die Marktauslage hat dabei in sich einen eigenen Mechanismus. So sind zunächst nur sechs Kartentypen verfügbar. Erst wenn einer dieser sechs Kartentypen ausverkauft ist, kann der einkaufende Spieler aus den anderen bisher noch nicht verfügbaren Karten auswählen. Dieser “Kartenstapel” (jeder besteht nur aus drei Karten) wandert dann in die Marktauslage und schließt die entstandene Lücke.

Erreicht ein Spieler in einer Runde El Dorado, wird die laufende Runde noch zu Ende gespielt. Sollte dabei ein weiterer Spieler El Dorado erreichen, gewinnt der Spieler, der mehr Blockaden aus dem Weg geräumt hat.

 

Was uns gefallen hat

Deckbuilding für Familien in einem Wettlauf Spiel. Ersteres liebe ich, letzteres…na ja…gab es schon so oft. Aber ich muss sagen, dass Reiner Knizia es wirklich geschafft hat, beide Mechanismen gut zu verbinden. Gerade den Deckbuilding-Teil hat er familientauglich auf seinen innersten Kern reduziert. Und der Wettlauf-Aspekt tritt vor allem gegen Ende des Spiels zu Tage, wenn es darum geht alles rauszuholen aus seinem Forscher und mit einem letzten Sprung über den Wassergraben El Dorado zu erreichen.

Auch zu zweit funktioniert es recht gut. Und durch die Reduktion des Mechanismus ist es auch wirklich schon mit neunjährigen Kindern zu spielen – entsprechende Sozialisation vielleicht vorausgesetzt.

Das Spiel geht flott von der Hand, die Wartezeiten sind gering und es ist schnell zu lernen. Die doppelseitigen Kartenteile lassen sich zu unterschiedlichen Strecken zusammensetzen. So lassen sich Schwierigkeit und Länge des Spiels beeinflussen. Die Variabilität ist also hoch genug für zahlreiche Partien auf dem Weg ins El Dorado. Die unterschiedlichen Strecken spielen sich in der Tat auch sehr unterschiedlich und bedingen andere Schwerpunkte beim Zusammenstellen des Kartendecks. Dazu kommen unterschiedliche Schwierigkeitsstufen bei den Strecken, so dass auch Vielspieler durchaus ihren Spaß daran haben können.

 

Was uns nicht gefallen hat

Rennspiele bei denen man über Landschaftsfelder hechtet erscheinen heutzutage etwas altbacken. Und so verliert El Dorado für mich nach ein paar Partien ein wenig den Spielspaß, der bei Vielspielern bei diesem Spiel ohnehin nicht unendlich hoch sein dürfte. Thematisch mag das Forscher-Thema mich vielleicht nicht überzeugen, Familien oder Gelegenheitsspieler dürfte es jedoch gefallen. Im Kern ist und bleibt es ein Wettrennen und der Glücksfaktor beim Kartenzehn kann einem auch schon mal in die Parade fahren, was bei vielen (allen?) Deckbauspielen ein Manko ist.

Ein weiteres Manko aus meiner Sicht ist die relativ starre Auslage im Markt. Hier landen stets die selben sechs Karten zum Start in der Marktauslage. Hier hätte ich mir mehr Variabilität gewünscht.

Das variable Spielbrett neigt zudem ein wenig zum Driften auf glatten Tischen und im Eifer des Gefechts kann es durchaus mal dazu kommen, dass man es neu puzzeln muss.

Das Auflösen der Blockaden ist für mich ein etwas unnötig wirkendes Überraschungselement. Meistens war es so, dass ein Spieler einen “Lauf” hatte, nahezu alle Blockaden geöffnet hat und auch als erster nach El Dorado kam. Somit hätte er ohnehin sicher gewonnen. Oder zwei Spieler kämpfen um die Führung und teilen die Blockaden unter sich auf. Insbesondere im Startszenario führte das häufig zu einem Patt bei den Blockaden, da diese in gerader Anzahl ausgelegt werden.

 

Fazit

El Dorado ist ein tolles und schnell zu erlernendes Familienspiel, das den Deckbuilding Mechanismus einer neuen Zielgruppe näher bringen könnte. So gelingt dem Spiel vielleicht der Spagat zwischen Familienspiel und Gateway Game, das interessierte Spieler in die Welt der Deckbuilding Spiele einführt. Oder man rennt einfach immer wieder und wieder nach El Dorado.

Das Wettrennen um den Pöppel zum Spiel des Jahres hat Wettlauf nach El Dorado zwar leider nicht gewonnen, denn es wäre ein würdiger Preisträger gewesen, der durchaus auch langfristig immer wieder auf den Tisch kommen wird. Aber durch die Nominierung wurde und wird dem Spiel ja auch eine gewisse Aufmerksamkeit zuteil, die es vielleicht in den ein oder anderen Haushalt bringt. Es wäre aus meiner Sicht wünschenswert.

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Juli 12th, 2017 by Dirk

Verdammt! Viel zu lange hat die Suche nach dem Steinelieferant gedauert. Und jetzt haben sich ihn die verdammten Mutanten unter den Nagel gerissen. Aber wir New Yorker sind ja nicht auf den Kopf gefallen! Heute Nacht plündern wir das Ding! Dann können sie sehen, wie sie an ihr Baumaterial kommen…

Postapokalyptische Welten. Mutanten und Cyborgs. In dieser Welt ist nichts mehr wie es mal war. Es zählt nur noch das Gesetz des Stärkeren. Und jede der vier Fraktionen strebt nach einem neuen Staat. Ignacy Trzewiczeks 51st State ist der Vorgänger von Imperial Settlers. Nach deren Erfolg wurde die postapokalyptische und dystopische Variante mit einem Master Set neu aufgelegt und gründlich überarbeitet. Zeit sich in die düsteren Niederungen zu begeben.

 

Wie es gespielt wird

Spielertableau und Material von 51st State

Am Anfang… – Spielertableau und Material von 51st State


51st State ist kartengetriebenes Spiel, bei dem die Spieler versuchen durch das Erobern von Orten ihre Handlungsmöglichkeiten zu erweitern und möglichst viele Siegpunkte zu erlangen. Hat ein Spieler die Marke von 25 Punkten erreicht, ist noch in dieser  Runde Schluss.
Jeder Spieler lenkt bei 51st State die Geschicke einer Fraktion. Um deren Einfluss zu erweitern werden aus der allgemeinen Auslage Karten aufgenommen und in die eigene Auslage integriert. Jede Runde läuft dabei in vier Phasen ab.

In der Kartenphase erhalten alle Spieler die Möglichkeit Karten aus der Auslage zu nehmen.
In der Produktionsphase erhält man alle produzierten Güter der eigenen Orte.
Die Aktionsphase ist die eigentliche Hauptphase jeder Runde. Hier kann man Orte errichten (durch Abgabe von sogenannten Kontaktplättchen in Abhängigkeit der Entfernung des zu errichtenden Ortes) oder umbauen (wodurch man potenziell wertlos gewordene Orte durch Abgabe eines Baustoffes günstig in höherwertige Orte umwandeln kann), einen Deal machen (wodurch man mehr Rohstoffe in der Produktionsphase erhält), Orte der Gegner plündern, Karten- oder Fraktionsaktionen aktivieren oder offene Produktionsstätten der Gegner nutzen. Man hat also viel zu tun, um seine Fraktion im Rennen um die Errichtung des 51st State in eine gute Position zu bringen.

Spielertableau

Gegen Ende hat man schon ein paar Orte erobert


Als letztes erfolgt dann noch die Aufräumphase, in der alles an Rohstoffen abgeräumt wird, was nicht irgendwo eingelagert werden konnte.
Hat ein Spieler die Marke von 25 Punkten erreicht, ist noch in dieser Schluss. Dann werden noch je Ort in der Auslage ein Siegpunkt zum aktuellen Punktestand hinzugezählt und der Spieler mit den meisten Punkten gewinnt.

Das Spiel kommt mit einem Grundset an Karten und bringt zusätzlich gleich zwei weitere Module mit, die man in das Grundset integrieren kann. So kann man die Variabilität deutlich erhöhen. So erklärt sich auch die Bezeichnung Masterset. Kürzlich erschienen ist zudem gerade die Erweiterung Die Sucher, die weitere Karten aber auch neue Spielelemente hinzufügt. Es wird also so schnell nicht langweilig – im 51st State…

 

 

Was uns gefallen hat

Ich mochte Imperial Settlers, thematisch fand ich es jedoch immer eine Spur zu niedlich. Deshalb war ich froh, als die Neuauflage von 51st State angekündigt wurde, war es doch der Vater des erfolgreichen Imperial Settlers und spielte in einer durchaus “erwachseneren” Welt. Und genau das holt mich persönlich deutlich mehr ab. Ich fühle mich an die Welten eines Philip K. Dick erinnert, der mit seinen Science Fiction Romanen und vor allem mit den Kurzgeschichten für die Vorlagen einiger der besten Sci-Fi-Filme aller Zeiten (bspw. Blade Runner, Total Recall und viele mehr) verantwortlich zeichnet.

Das Gameplay von 51st State ist eingängig und schnell erklärt. Mir gefällt auch, dass 51st State (gefühlt) wesentlich mehr Take-that-Elemente beinhaltet als Imperial Settlers. Das muss es auch, denn in der postapokalyptischen Welt wird schließlich nicht lange gefackelt, wenn man bestimmte Rohstoffe benötigt.

Die Anleitung ist klar und eindeutig geschrieben und hat mich sogar gut unterhalten. Mit einem Augenzwinkern wird beispielsweise darauf verwiesen, dass doch tatsächlich der Spieler mit den meisten Siegpunkten gewinnt. Zwischendrin fallen dann für eine Anleitung eines Brettspiels recht derbe Ausdrücke, die dem ein oder anderen vielleicht aufstoßen. Aber auch hier unterstützt das für mich die Atmosphäre des Spiels.

Die grafische Gestaltung erinnert an einen postapokalyptischen Comic á la DMZ und tut auch hier ihr übriges den Spieler in die postapokalyptische Welt zu ziehen. Für die grafische Gestaltung gibt es von mir ein Fleiß-Bienchen!

Fraktion der Mutanten bei 51st State

Fraktion der Mutanten

Die Materialqualität der Stanzteile ist sehr gut. Herausstellen möchte ich aber die Qualität der individuell gefertigten Meeple. Zahnräder und Benzinkanister – ich gebe zu, ich hatte meine Bedenken, ob die so gut gelingen können – sind von außerordentlicher Qualität. In meinem Set war nicht ein einziges schlecht gefertigtes Holzteil dabei. Nirgends war etwas abgebrochen, die Farbe war gleichmäßig verteilt – Brettspieler-Herz, was willst du mehr? 😉

Gut gefallen haben uns die unterschiedlichen Fraktionen, die sich auch tatsächlich unterschiedlich spielen und auch unterschiedlich gespielt werden wollen. Dazu noch die verschiedenen Kartendecks, die das Grundset ergänzen. Das erhöht die Variabilität und den Wiederspielreiz.

Und, heutzutage schon eher Pflicht denn Kür, einen Solo-Modus gibt es natürlich auch. Dieser simuliert einen virtuellen Gegner, der einem permanent in die Kandare fährt. Gut gemacht, aber am Ende auch hier “nur” eine Highscore-Jagd. Trotzdem aus meiner Sicht eine gute Umsetzung.

 

Was uns nicht gefallen hat

Des einen Freud ist des anderen Leid. Und so mag nicht jeder die Welt von 51st State – sei es die grafische Gestaltung oder die Sprache der Anleitung. Ich hatte damit kein Problem, der ein oder andere mag sich an der grundsätzlich gewaltbereit anmutenden Ausgestaltung jedoch stören.

Die Appalachische Föderation bei 51st State

Die Appalachische Föderation

Die Unterschiede zu Imperial Settlers sind mir zunächst kaum aufgefallen. Bis auf einen. Und den fand ich in der Tat schade. Die einzelnen Fraktionen haben hier kein eigenes Deck. Gerade das fand ich bei Imperial Settlers toll und es hätte auch bei 51st State funktionieren können, da auch hier unterschiedliche spezifische Kartendecks Sinn machen würden. Zudem erscheint mir 51st State sehr viel angriffslustiger. Vor allem das Plündern ist hier deutlich interessanter, als das Zerstören bei Imperial Settlers. Von Zeit zu Zeit ist man gezwungen den Gegner anzugreifen, damit er entweder nicht noch mächtiger wird oder man selbst einfach ein paar Rohstoffe abgreift, die man grade braucht.

Vor dem ersten Spiel ist es etwas schwierig einzuschätzen, wie sich die Fraktionen spielen, da alle etwas unterschiedlich ausgerichtet sind. Das muss man tatsächlich erfahren. Aber auch hier gilt: Nicht jeder will oder mag Asymmetrie in Brettspielen. Ich persönlich mag es, wenn man unterschiedliche Fraktionen auch unterschiedlich spielen muss.

 

Fazit

Ich mag 51st State persönlich lieber als Imperial Settlers, auch wenn letzteres eine Weiterentwicklung des ursprünglichen Prinzips darstellt und durch die Fraktionsdecks sicherlich noch besser auf die Unterschiede der Fraktionen eingeht. Aber die Mad-Max-artige Welt gefällt mir so gut, dass mich das Spiel einfach in seinen Bann gezogen hat. Zudem sorgt das Fehlen der Fraktionsdecks für ein wenig mehr “Übersichtlichkeit”, da man schnell alle Karten kennt und so auch die anderen Fraktionen schneller kennenlernt. Apropos Fraktionen…ich würde mir wünschen, dass bald eine Erweiterung mit neuen Fraktionen erscheint. Die Welt von 51st State bietet noch so viel Potenzial neue Fraktionen zu entdecken und es würde mich doch arg wundern, wenn Ignazy da nicht noch ein paar Ideen hätte…

Erhältlich ist das Spiel im gut sortierten Fachhandel oder direkt im Webshop von Portal Games Deutschland.
Vielen Dank an Portal Games für die Bereitstellung des Rezesinonsexemplars.

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Sagrada Schachtel
Juni 19th, 2017 by Dirk

Letztens hatte ich Gelegenheit ein Spiel zu spielen, dessen verpasster Kickstarter Kampagne ich wirklich mal hintertrauere. Das liegt einerseits an der Art des Spiels und andererseits an seiner Optik. Sagrada ist ein buntes Würfelspiel, bei dem man als Glaskünstler versucht eines der Fenster der Sagrada Familia zu errichten. Die einzelnen Glasfarben werden dabei durch verschiedenfarbige Würfel symbolisiert. Diese muss man clever in sein Fenster einpuzzeln. So weit, so einfach.

Das Spielertableau von Sagrada mit variablem Einschub

Das Spielertableau von Sagrada mit variablem Einschub

Zu Beginn eines Zuges wird die doppelte Anzahl Würfel geworfen wie Spieler mitspielen zuzüglich eines weiteren Würfels (mathematisch ausgedrückt: Spieleranzahl x 2 + 1). Die Würfel werden blind aus einem Beutel gezogen und in einen Gemeinschaftsvorrat gewürfelt (die Benutzung eines Würfeltabletts ist sehr zu empfehlen). Mit diesen Würfeln müssen nun alle reihum arbeiten. Der Startspieler wählt einen Würfel aus, dann der Spieler links von ihm und so weiter. Der letzte Spieler in der Reihe ist dann ein zweites Mal dran und dann geht es in umgekehrter Reihenfolge zurück zum Startspieler. Nun wäre es ein langweiliges Spiel, wenn man sich nicht vorher für eine Tafel hätte entscheiden müssen, die man im Verlauf des Spiels möglichst vollpuzzeln muss. Die Legeregeln machen das Ganze knifflig und sind das Salz in der Suppe. Es dürfen nämlich nie dieselbe Farbe oder dieselbe Ziffer direkt nebeneinander platziert werden (diagonal geht). Zudem hat jeder Spieler unterschiedliche Aufgaben auf seinem Tableau. Mal sind es bestimmte Farben, mal bestimmte Ziffern, die man auf ein Feld legen muss. Sind zehn Runden gespielt, wird abgerechnet. Punkte gibt es für öffentlich bekannte Aufgaben wie zum Beispiel das Puzzeln in diagonalen Reihen einer Farbe oder senkrechten Reihen unterschiedlicher Ziffern. Minuspunkte gibt es für nicht geschlossene Lücken im eigenen Tableau.

Sagrada mit vielen bunten Würfeln

Viele bunte Würfel…

Würfelspiele – man kann es fast erahnen – mag ich. So ist es kein Wunder, dass ich Sagrada genauso sehr mag wie das mechanisch ähnlich gelagerte Blueprints. Allerdings sieht Sagrada dazu noch fantastisch bunt aus und man denkt tatsächlich an einem der bunten Fenster mitzuarbeiten. Das Material mit den dicken Spielertableaus, in die die kleinen Fensterkärtchen geschoben werden, ist toll und die Würfel leuchten wie im spanischen Sonnenlicht gebadet. Der Glücksfaktor ist erstaunlich gering und die meisten “wertlosen” Würfel gingen auf meine eigenen Fehler zurück und nicht auf Würfelpech. Nichtsdestotrotz ist es ein Würfelspiel und das kann schon mal gegen einen laufen. Die kurze Spieldauer von etwa 20 Minuten erlaubt es aber, dass man schnell eine Revanche spielen kann.

Schade, dass es das Spiel (noch?) nicht offiziell in Deutschland gibt, denn das Porto für eine Übersee-Bestellung ist horrend hoch und hat mich letzendlich damals davon abgehalten es zu unterstützen. Ein Fehler, wie ich nach dem ersten Spiel feststellen musste. Ich hoffe aber inständig auf baldiges Erscheinen…

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NMBR9 von Abacus Spiele
Mai 31st, 2017 by Dirk

Es gibt sie also doch! Ich hielt sie für einen Mythos, aber es gibt sie! Spiele, die man direkt aus der Schachtel losspielen kann. Kein Sortieren von Chips, keine langwierige Aufbauerei von Spielertableaus mit zig individuellen kleinen Holzfiguren. Einfach aufmachen und loslegen. Fragt sich nur: Wie gut ist ein solches ein Spiel? Und wie machen die das?

 

Wie es gespielt wird

Das Spielprinzip von NMBR9 ist so einfach, wie man sich ein familientaugliches Spiel wünscht. Die Regelzusammenfassung würde sicherlich auf eine der enthaltenen Karten passen, so einfach und klar sind sie. Jeder wird es verstehen und jeder kann es mitspielen.

NMBR9 von Abacus Spiele

Aller Anfang ist schwer…

NMBR9 besteht aus einem Satz Karten und den passenden Puzzleteilen in den Ziffern 0-9. In den Karten und bei den Puzzleteilen kommen alle Ziffern genau zweimal vor. Zu Beginn jeder der 20 Runden deckt ein Spieler die oberste Karte des gemischten Kartenstapels auf. Diese Ziffer nimmt sich jeder Spieler und platziert sie vor sich. Dabei gibt es ein paar einfache Legeregeln zu beachten: Legt man eine Ziffer in die untere Ebene – also auf die Tischplatte – kann man die Plättchen beliebig nebeneinander platzieren. Man darf sie nur nicht teilweise überlappen und sie müssen an einer Kante (diagonal reicht nicht!) an ein bereits gelegtes Plättchen angrenzen. Man darf auch Ziffernplättchen auf andere drauf legen – und will das sogar, da das später mehr Punkte bringt -, muss dabei dann allerdings zusätzlich folgendes beachten: Legt man ein Plättchen auf ein anderes, müssen mindestens zwei drunterliegende Plättchen davon berührt werden – also eines der Felder muss sich mit dem des darunter befindlichen Plättchens überschneiden – und es dürfen sich keine leeren Felder unter der so gelegten Ziffer befinden. So wird weitergespielt, bis alle 20 Plättchen vor jedem Spieler ausgelegt sind. Dann folgt die Abrechnung. Plättchen, die direkt auf dem Tisch – also in Ebene 0 – liegen, sind keine Punkte wert. Plättchen, die in der ersten Ebene liegen, ergeben einmal ihren entsprechenden Wert in Punkten (also die 8 entsprechend acht Punkte), liegen sie in Ebene zwei, ergeben sie schon zweimal ihren Wert in Punkten (die 8 also bereits 16 Punkte) und so weiter. Ziel ist es also, die Ziffern mit hohen Werten in die höchstmögliche Ebene zu befördern. Wer am besten gepuzzelt hat und die meisten Punkte rausgeholt hat, gewinnt.

Da man bei NMBR9 eher solitär als interaktiv spielt und es sich durch das Spielprinzip zu zweit genauso gut spielt wie zu viert, könnte man es sogar mit bis zu acht oder zwölf Spielern spielen, wenn man mehrere Sets des Spiels besitzt. Allerdings könnte es dann häufiger zu einem Unentschieden durch ähnlich gelegte Plättchen kommen. Dann könnten die Beteiligten ja noch eine Entscheidungspartie spielen, denn eine Partie dauert in der Regel nicht mehr als zehn Minuten. So eignet sich NMBR9 sicherlich auch gut für große Runden…

 

Was uns gefallen hat

Direkt aus der Schachtel losspielen und keine Zeit für den Aufbau “verschwenden”, das können nur wenige Spiele bieten. Erreicht wird das vor allem durch den gut geplanten Sortiereinsatz, der alle Puzzleteile und Karten sauber sortiert für die Spieler bereithält.

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Viel Platz braucht man für NMBR9 nicht…

Sicherlich ist es kein großes Spiel dieses NMBR9, aber es ist jedesmal eine Herausforderung, anders als die Mitspieler zu puzzeln und so am Ende mehr Punkte zu machen. Das Spiel ist zudem jedesmal anders, denn die Abfolge der Karten variiert mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit von Spiel zu Spiel.
Das Material ist solide gefertigt und entspricht dem Standard. Die Pappteile sind schön dick und die Optik erinnert sicherlich nicht umsonst an das bekannteste Puzzlespiel schlechthin – Tetris.

 

Was uns nicht gefallen hat

Wenig zu meckern gibt es hier, schließlich ist es ja auch eher eine kleines feines Spielchen mit einem einfachen aber cleveren Puzzlemechanismus. Die Vergleichbarkeit der Partien ist bei einem Spiel wie NMBR9 natürlich schwierig, da vieles davon abhängt, wann die entsprechenden Ziffern aus den Karten gezogen werden. Werden die hohen Ziffern am Anfang gezogen, werde ich sicherlich weniger Punkte machen als in Partien, in denen diese eher später gezogen werden. Deshalb ist es gut, dass jede Ziffer zweimal gezogen werden kann. Das mindert den Glücksfaktor etwas.
Ich bin allerdings sehr gespannt, wie lange die Pappteile durchhalten werden, denn manchmal klemmen sie doch ein wenig und man muss sie etwas nachdrücklich ihrer Bestimmung zuführen. Dabei löst sich gerne auch mal die bedruckte Schicht der Teile leicht an den Rändern ab. Zudem rutschen einem die Teile auch manchmal leicht durcheinander und man muss versuchen den alten Stand zu rekonstruieren. Vielleicht bringt Abacus – ähnlich wie bei Hanabi – noch eine Luxusversion mit großen und präzise geschnitten farbigen Acrylteilen, die sich eine Art Nut-und-Feder-System sicherer aneinander festklammern. Würde sicherlich sehr schick aussehen und den ein oder anderen Abnehmer finden…

 

Fazit

Mit NMBR9 hat Abacus ein tolles kleines Puzzlespiel vorgelegt, das man auch in Runden mit Vielspielern gerne als Auftakt oder Absacker spielen kann. Die Auf- und Abbauzeit ist aufgrund des genialen Sortiereinsatzes zu vernachlässigen bzw. geht gegen Null. Es macht echt Spaß zu schauen, ob man effizienter puzzeln kann als seine Mitspieler. Und wer mag, kann auch gegen sich selber um den Highscore puzzeln, was mir aufgrund des Glücksfaktors beim Kartenziehen allerdings eher darauf hinausläuft, dass die Karten in der bestmöglichen Reihenfolge aufgedeckt werden. Schade, dass es NMBR9 weder auf die Nominierungsliste noch auf die Empfehlungsliste zum Spiel des Jahres geschafft hat. Verdient gewesen wäre es aus meiner Sicht.

 

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Mai 10th, 2017 by Dirk

“Nur noch eine einzige Zutat“, dachte der Zauberlehrling und fischte die fehlende Einhornträne aus dem Zutatenspender. Plötzlich erschütterte eine gigantische Explosion den Prüfungsraum. Nachdem sich der Rauch gelegt hatte, stand er mit einer bunten Mischung an Zutaten für seine Zaubertränke da und keiner hat es gemerkt. Jetzt einfach unschuldig schauen und munter weiter mixen…

Die Spielerauslage für zwei Tränke


So oder so ähnlich läuft es ab, wenn ein Lehrling in Potion Explosion einen Trank mischt. Das Spiel ist schon einen Augenblick auf dem Markt, die App zum Spiel wurde gerade veröffentlicht und eine Erweiterung steht in den Startlöchern. Zeit sich das Spiel noch mal etwas genauer anzusehen.

 

Wie es gespielt wird

Wer kennt sie nicht? Die kleinen Spiele auf dem Smartphone, bei denen man Kügelchen nimmt, dreht oder schiebt und damit dann eine Kettenreaktion auslöst. Einen vergleichbaren Mechanismus überträgt Potion Explosion auf ein Brettspiel. Und zwar komplett physisch. Dazu muss zunächst ein Murmelspender zusammengebaut werden und vor dem Spiel mit den bunten Glaskugeln befüllt werden. Diese stellen unsere Zutaten dar, die wir für die Zaubertränke brauchen, von denen wir nur zwei auf einmal auf unserer kleinen Kochstelle anrichten können. Und für das korrekte Brauen der Tränke gibt es dann Punkte – für kompliziertere mehr als für einfache. Zudem sammeln wir Zauberorden für das Zubereiten von je drei gleichen oder fünf unterschiedlichen Tränken. Klingt erst mal recht einfach – könnte man die zubereiteten Tränke nicht auch noch zum eigenen Vorteil nutzen. So kann ich jeweils vor oder nach meinem regulären Zug – der besteht nämlich eigentlich nur aus dem Nehmen einer einzelnen Zutat (aka Murmel) aus dem Murmelspender – beliebig viele meiner fertig gebrauten Tränke zu mir nehmen und mir deren Effekte zunutze machen. So kann man die aktuelle Murmelsituation vor oder nach dem Zug verändern und an weitere Zutaten kommen. Die Tränke erlauben es, dass man beispielsweise bis zu fünf Zutaten einer Farbe aus einer Murmelbahn entfernen kann, aus der unteren Reihe je eine Murmel einer Farbe nehmen kann, dem Gegner Zutaten aus seinem persönlichen Vorrat klauen kann und so weiter. Die Punkte der getrunkenen Tränke sind dabei nicht verloren, denn ich habe dem Professor ja schon gezeigt, was ich tolles kann. Die Zutaten, die man nun in der Hand und im persönlichen Vorrat hat, kann man frei auf die gerade im Brauprozess befindlichen Tränke verteilen. Zutaten, die bereits aus einem vorherigen Zug auf

Später im Spiel hat man schon einiges an Tränken gebraut…das kann nützlich sein.

die Tränke verteilt wurden, dürfen natürlich nicht mehr umgelegt werden. Was übrig bleibt und nicht in den drei Zutaten fassenden Vorrat passt, fliegt zurück in den Behälter. Kommt man mal nicht so gut zurecht mit den aktuellen Murmeln im Spender, kann man auch den Professor um Hilfe bitten. Dafür erhält man zwar zwei Minuspunkte, kann aber vielleicht einen 10 Punkte Trank vollenden und glänzen.

Das Spiel endet, wenn die spielerzahlabhängige Menge an Zauberorden aufgebraucht ist und es gewinnt der Spieler mit den meisten Punkten.

 

Was uns gefallen hat

Zugegebenermaßen ist das Spiel schon etwas älter- zumindest für die schnelllebige Brettspielzeit heutzutage – aber dennoch einen Blick wert. Auch wenn es natürlich kein strategischer Gehirnverzwirbler ist, offenbart sich nach ein paar Spielen doch mehr Tiefe als zunächst angenommen. Trotzdem ist es leicht genug, dass sogar sechsjährige es einfach mal so mitspielen können oder Wenigspieler einfach aus dem Bauch heraus Murmeln nehmen und Tränke nutzen. Der Aufforderungscharakter ist gerade aufgrund des Murmelspenders extrem hoch und animiert selbst Spielemuffel dazu mal eine Partie mitzuspielen.
Nichtsdestotrotz sollte man Potion Explosion nicht unterschätzen, kommt es doch wie ein locker leichtes Spielchen daher, das erst mal nach einem Fun-Spiel aus der Reihe “einfaches Familienspiel” aussieht. Kommen allerdings die richtigen Spieler zusammen, kann es ganz schön hoch hergehen in der Zauberschule. Da wird geklaut, da werden absichtlich die passenden Kugeln aus der Bahn genommen, damit der Gegner seinen Trank nicht vollenden kann oder Tränke vom Stapel genommen, die dem Gegner es ermöglichen würden den nächsten Zauberorden zu erlangen und das Spiel zu seinen Gunsten zu entscheiden. Und so ist es irgendwie schade, dass Potion Explosion es nicht zu größeren Ehren gebracht hat, denn es ist einfach zu lernen, von jeder Zielgruppe zu spielen und trotzdem mit ausreichender Varianz, dass auch Vielspieler mal eine Partie mitspielen. Ergänzt durch eine überschaubare Spielzeit ist es eigentlich ein Anwärter für das Spiel des Jahres gewesen. Warum es dafür nicht in Frage kam, kann ich nur mutmaßen…

 

Was uns nicht gefallen hat

Eigentlich ein tolles Spiel für groß und klein mit hohem Aufforderungscharakter und trotzdem was zu meckern? Ja, in der Tat. Die erste Auflage war produktionstechnisch gelinde gesagt eine Katastrophe. Der Murmelspender war komplett fehlproduziert und ließ sich gar nicht erst gemäß Anleitung zusammenbauen. Dies wurde zwar gelöst, indem Käufer der ersten Auflage einen Ersatzstanzbogen erhielten, dieser war allerdings auch fehlerhaft, denn er war zu hoch und die Schachtel ließ sich nicht mehr schließen. Zwar wurde ein Ersatz angeboten und in der zweiten Auflage war alles in Ordnung, allerdings blieb dann noch das Problem mit den Murmeln. Die waren teilweise nicht von guter Qualität und die Farben waren nicht immer einwandfrei zu unterscheiden. Alles keine schwerwiegenden Probleme, zumal das Spiel an sich gefällt, aber dennoch mit Ausstrahlung auf eine Bewertung. Auch die Regel hätte man deutlich kompakter gestalten können und noch mal eine Art Spielerhilfe beilegen können, in denen die einzelnen Tränke und ihre Wirkung erklärt sind.

 

Fazit

Potion Explosion ist ein tolles Spiel, das man gerne und immer wieder spielen kann. Entweder im Familienkontext oder auch als lockerer Absacker am Strategiespieleabend. Schade, dass man vor allem am Anfang so viele Materialprobleme hatte, denn ansonsten hätte ich fast gar nichts zu meckern gehabt.

In der nahen Zukunft wird nun endlich auch die bereits für die Spiel’16 angekündigte Erweiterung erscheinen, bei der es eine Art Jokerzutat gibt. Zusammen mit der gerade erschienen Brettspiel App dürfte das Lineup dann komplett sein. Für mich bleibt Potion Explosion ein klarer Kauf, alleine schon wegen dem großen Spaß mit der Murmelbahn.

Hier geht es zur Website von Horrible Games oder eben bei Heidelberger/Asmodee

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Mai 4th, 2017 by Dirk

Als Terra Mystica Ende 2012 im noch jungen Feuerland Verlag erschien, rieben sich einige Spieler verwundert die Augen. So eine große Schachtel hatte man bis dahin selten gesehen – erst recht nicht so gut gefüllt. Denn selbst ohne die später erschienene Erweiterung Feuer & Eis füllte sich die Schachtel fast vollständig mit dem enthaltenen Material. Doch nicht nur die physischen Ausmaße waren schwergewichtig, auch spielerisch hatte und hat Terra Mystica einiges zu bieten und erfreut sich nach wie vor bei allen Spielern komplexer Spiele großer Beliebtheit. So wurde es auch zurecht mit dem Deutschen Spielepreis ausgezeichnet, der sich in der Regel eher den Expertenspielen widmet. Ein solches Spiel in eine digitale Variante zu transferieren dürfte demnach keine leichte Aufgabe gewesen sein, wie Alexander Ommer im Rahmen des Interviews auch bestätigte. Nun ist die App also endlich erschienen und konnte in Augenschein genommen werden. Zeit für ein erstes Resümee.

Grundsätzlich bietet die App alles was man auch vom Brettspiel her kennt sOWiG einige spezifische Zusatzfeatures, die es natürlich nur bei digitalen Umsetzungen geben kann, wie einen Online-Modus oder ein interaktives Tutorial. Aber beginnen wir zunächst vorne. Startet man die App, öffnet sich das Menü, das an den Rändern die etwas zu blassen Auswalsymbole zeigt und in der Mitte die entsprechenden Optionen erscheinen lässt. Kennt man das Spiel nicht, sollte man sich auf jeden Fall das Tutorial ansehen, denn bei so einem komplexen Spiel ist es doch wichtig, sich gut zurechtzufinden. Einfach losspielen ist hier kaum möglich. Auch Kenner der analogen Urform sollten sich das Tutorial durchaus ansehen, denn anders als im Brettspiel, hat man nicht immer alles vor sich auf dem Tisch, sondern muss sich durch unterschiedliche Ansichten klicken, um die verschiedenen Elemente einzusehen.

Spielbrett von Terra Mystica

Das Spielbrett von Terra Mystica und die Übersichten der einzelnen Spieler

Spielt man alleine gegen den Computergegner, heute KI (Künstliche Intelligenz) genannt, kann man aus unterschiedlichen Schwierigkeitsstufen wählen. Diese unterscheiden sich zunächst in der Zeit, die sie vor dem Zug “überlegen”. Allerdings ist schon zu sehen, dass auch schwerere KI-Gegner in Planung sind und in einem der nächsten Updates ausgeliefert werden könnten. Generell funktionieren die aktuellen Gegner schon recht gut und sind nicht einfach so nebenher zu schlagen, sondern man muss schon etwas aufpassen. Hier hat DIGIDICED scheinbar einiges an Aufwand reingesteckt, denn die Gegner scheinen recht optimal vorzugehen.

Menü zur Auswahl der Gunstplättchen

Die Auswahl der Gunstplättchen ist übersichtlich gestaltet und bietet Beschreibungen für jedes Plättchen an.

Während des Spiels kann man sich dann immer die einzelnen ausgewählten Aktionen noch mal ansehen und bekommt mit kurzen Texten gezeigt, was die Aktion bedeutet. Das erleichtert den Einstieg und ist auch für alte Hasen eine Erleichterung, da man nicht dauernd alle Rundenbonus- oder Gunstplättchen in einem Glossar nachlesen muss, sondern die entsprechende Erläuterung direkt angezeigt bekommt. Am Ende des Spiels gibt es die Abrechnung, die auch noch mal genau aufzeigt, in welchen Bereichen wie viele Punkte erzielt werden konnten.

Das Spiel ist mit stimmungsvoller Musik unterlegt und die schönen Animationen tragen zu einem tollen und stimmungsvollen Spielgefühl bei.

 

Was uns gefallen hat

Terra Mystica bleibt sich treu. Man erkennt das Spiel sofort wieder und Kenner finden sich relativ schnell zurecht. Die Grafik und die musikalische Untermalung sorgen für ein stimmungsvolles Spiel, das dem Brettspiel in wenig nachsteht – außer in der Haptik und der Interaktion am Tisch natürlich. Moderne Features wie ein Online-Modus und die Liga-Funktion ergänzen das Ganze wirklich klasse. Brettspiel-Apps haben darüber hinaus einen großen Vorteil gegenüber ihren analogen Eltern: Man kann Fehler relativ leicht ausmerzen oder auch neue Features relativ leicht an alle Nutzer verteilen. Dass das passieren wird, zeigen bereits die ersten Tage nach dem Release, denn wir sind mittlerweile in der Version 1.09. Und da die Erweiterung Feuer und Eis auch bereits angekündigt ist, denke ich, dass DIGIDICED nach dem Stress des ersten Release hier weiterhin nachlegen wird und uns weiterhin mit Verbesserungen und Optimierungen versorgen wird.

 

Was uns nicht gefallen hat

Die Umsetzung eines solch komplexen Spiels ist sicherlich eine Mammutaufgabe und bedarf einiges an Testaufwand. Und am Ende des Prozesses wird man immer wieder Fehler finden oder Punkte, die man verbessern möchte. So startete die App auch mit ein paar kleinen Unschärfen und Fehlern, die aber schnell behoben wurden.

Das Aktionsmenü von Terra Mystica

Das Aktionsmenü liefert sehr gute Beschreibungen für die einzelnen Aktionen.

Im Vergleich zu anderen Apps ist bei Terra Mystica die Einstiegshürde recht hoch. Schwierig fand ich zunächst, sich in den unterschiedlichen Screens zurechtzufinden. Denn man hat in seinem Zug einmal die Aktionsansicht, die die verfügbaren Aktionen aufzeigt, sieht währenddessen aber nicht das eigentliche Spielertableau oder das Spielbrett, was der Übersicht wenig zuträglich ist. Hier könnte man noch mal ein wenig an den Schaltern zwischen den einzelnen Screens arbeiten, denn diese waren für mich nicht gleich intuitiv in Fleisch und Blut übergangen und ich war ein paar mal im Menü verloren. Nach der ersten und zweiten Partie wurde es dann aber besser. Trotzdem sehe ich hier den meisten Optimierungsbedarf.

 

Fazit

Lange haben wir alle drauf gewartet und aus meiner Sicht wurden die Erwartungen voll erfüllt. Terra Mystica ist eines der besten Brettspiele der letzten Jahre und die App setzt das Ganze wirklich nahezu perfekt in die digitale Welt um. Auch wenn kleinere Optimierungen in der Nutzerführung sicherlich noch für eine weitere Steigerung des Spielspaßes dienen können, muss man vor dem Team rund um DIGIDICED den Hut ziehen. Hier wurde mit viel Herzblut und mit großem Aufwand eine tolle App realisiert, die momentan vielleicht mit zu den besten digitalen Brettspieladaptionen gehört. Sicherlich bewegt sich die App mit einem Preis von 10 Euro im oberen Preissegment, aber aufgrund der Komplexität des Spiels und der sehr aufwändigen Umsetzung finde ich diesen Preis durchaus gerechtfertigt. Ich bin gespannt auf die nächsten Projekte von DIGIDICED, denn Alex hatte im Interview ja schon ein paar dezente Hinweise gegeben.

 

Vielen Dank an DIGIDICED für die Bereitstellung der App.

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April 12th, 2017 by Dirk

Das war wirklich ein schweres Jahr für die Eberts. Sie konnten mit ihrem Bauernhof gerade genug erwirtschaften um über die Runde(n) zu kommen. Und wären sie nicht noch zum Betteln in der Stadt gewesen, dann hätte es sicher nicht gereicht. Aber jetzt beginnt ein neues Jahr und es sieht gar nicht schlecht aus: das Feld ist bestellt, die Schäfchen haben Nachwuchs und die Eberts selbst erwarten auch Nachwuchs – andererseits heißt das, dass es noch ein Maul mehr zu stopfen gibt.


So in etwa fühlt man sich auch bei der “kleinen ” Version von Agricola, der Familienversion, die Lookout seit letztem Jahr als eigenständiges Spiel anbietet. Dabei wurde deutlich gegenüber dem Kennerspiel abgespeckt und das Spiel ist so auch schon von deutlich jüngeren Spielern erlernbar.

 

Wie es gespielt wird

Wer Agricola kennt, wird sich schnell zurechtfinden. Jeder Spieler besitzt zu Beginn zwei Bewohner auf seiner kleinen Farm, die er für Aktionen auf dem Spielbrett einsetzen kann. Mit den Aktionen erhält man Rohstoffe (Holz, Lehm, Schilf), Getreide oder auch Vieh (Schafe, sowie in späteren

Sehen noch etwas verloren aus…

Runden auch Wildschweine und Rinder). Außerdem kann man Weiden für die Tierhaltung einzäunen (gegen Abgabe von Holz), ein Feld bestellen oder Getreide auf ein Feld aussäen. Zudem kann man ab der ersten Runde bereits eine kleine Anschaffung erlangen. Wichtig für Kenner des großen Agricola: Das Einzäunen und Bestellen der Felder ist in dieser Version übrigens insofern einfacher, als dass man bei Wiesen und Feldern nicht auf einen Hofplan angewiesen ist, sondern die Feld- und Wiesen-Plättchen einfach vor sich an das Bauernhaus anlegt. Weitere Aktionen werden dann im weiteren Verlauf mit dem fortschreitenden Rundenanzeiger freigeschaltet. Haben nämlich alle Spieler ihre Arbeiter mit Aktionen beschäftigt, schreitet der Rundenanzeiger ein Feld voran und gibt eine weitere Aktionsmöglichkeit frei – eine sehr schöne Vereinfachung des etwas schwieriger planbaren Kartenmechanismus von Agricola. Überschreitet der Rundenanzeiger dabei ein Füllhornsymbol, heißt es: Erntezeit! Dann werden die Feldfrüchte eingefahren, Bewohner ernährt (zwei Nährwerte je Bewohner) und das liebe Vieh bekommt Nachwuchs. Danach geht es in die nächste Runde.

Am Ende der 14. Runde wird noch eine Erntezeit durchgeführt, danach werden die Punkte gezählt. Dabei gibt es einen Punkt je gebautem Plättchen (außer Holzräume), Tier und Getreide auf dem Feld. Rohstoffe im Vorrat geben nur Punkte, wenn man eine entsprechende Anschaffung besitzt (bspw. einen Punkt je zwei Schilf im Vorrat bei Besitz der Korbflechterei). Jeder Bewohner ist zudem drei Punkte wert, jeder Stall auf einer Weide einen weiteren Punkt.

 

Was uns gefallen hat

Agricola – Das Familienspiel macht vieles einfacher als sein großer Bruder. Gerade die häufig als aufwändig und anstrengend wahrgenommene Ernährung

Ein stattlicher kleiner Hof…

der Bewohner wird erleichtert, indem man jederzeit Getreide oder Vieh in Nährwerte umwandeln kann – auch wenn man gerade Tiere von einem der Tierfelder des Spielplans genommen hat. Das reduziert das Frustpotenzial und erleichtert den Zugang für jüngere Spieler oder Wenigspieler. So stellt die Familienversion von Agricola eine Fusion aus der zwei-Spieler-Version, Die Bauern und das liebe Vieh, das voll und ganz auf das Züchten der Tiere fokussiert war, und dem Agricola Kennerspiel dar, dessen Getreidezucht und Ernährungsprobleme es übernahm – aber eben spürbar vereinfacht. Das Material ist in gewohnter Lookout Qualität und die Tier-Figuren und Rohstoffe kommen dem Kenner bekannt vor. Die Arbeiter sind nun echte Bauern-Figuren und schön groß, so dass auch kleine Hände sie gut greifen können.

Die Regel ist glasklar formuliert und lässt keine Fragen offen. Die bekannten “Uwe Hinweise” tun dazu ihr Übriges und lockern die Anleitung gut auf.

 

Was uns nicht gefallen hat

Agricola macht in der Familienversion vieles richtig, um das Spiel einer anderen Zielgruppe zugänglich zu machen. Der Gelegenheitsspieler und Vielspieler wünscht sich allerdings mehr Variabilität bei den Anschaffungen, aber

Spielplan mit Agricola-typischer Optik

dieses “Problem” wurde bei der zwei-Spieler-Version auch recht schnell durch zwei Erweiterungen gelöst. Wer allerdings erwartet, dass die Familienversion in Richtung des großen Bruders tendiert, der wird enttäuscht sein. Es richtet sich eher an Spieler, die Die Bauern und das liebe Vieh schon immer mal zu viert oder mit der ganzen Familie spielen wollten.

Möchte man auf hohem Niveau jammern, hätte man sich noch ein Lospielanleitung wünschen können, die anhand einiger Beispielzüge in das Spiel einführt. So hätten sich Neulinge in der Welt von Agricola sicherlich noch leichter zurechtgefunden und noch einfacher in das Spiel gefunden. Was aber auch hier wieder ein echtes “Problem” ist: Bei exzessiver Tierzucht geht der Nachschub an Tieren schnell zu Ende und man muss sich mit den Pappplättchen behelfen. Das geht zwar genauso gut, schadet aber der Übersicht und macht es etwas buchhalterischer als wenn man jede Runde ein neues Tierchen dazu bekommt. Sicherlich eine preisliche Entscheidung, trotzdem irgendwie schade, wenn die Schafherde zum Teil aus Plättchen bestehen muss. WEn es ernsthaft stört kann sich – sofern im Besitz der entsprechenden Titel – mit Tieren und Rohstoffen anderer Lookout Spiele behelfen.

 

Fazit

Agricola – Das Familienspiel ist eine tolle Fusion aus dem Zwei-Spieler-Spiel und seinem großen Bruder. Die aktuell noch geringe Variabilität löst der Verlag sicher noch durch die eine oder andere Erweiterung mit zusätzlichen Anschaffungen. Insgesamt aber wirklich ein tolles Spiel für die ganze Familie, die alle in die Agricola-Welt einführt und vielleicht den Grundstein legt für das komplexere Caverna oder den großen Agricola Bruder.

Uns hat sich jedoch wirklich nicht erschlossen, warum auf den Covern von Familien- und Kinderspielen neuerdings immer auf irgendwelchen Tieren geritten werden muss. War es bei Stone Age Junior ein Mammut, ist es hier ein Wildschwein. Vielleicht nur ein Augenzwinkern, dass hier die nächste Sau geritten wird?! Oder eine Anspielung auf den Mammut-reitenden Hans im Glück Verlag?! Wir wissen es nicht genau. Aber vielleicht kann mir das bei Gelegenheit ja mal jemand erklären. 😉

Hier geht es zur Verlagsseite von Agricola bei Lookout Spiele…

 

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Februar 28th, 2017 by Dirk

Der Bahnsteig ist voller Menschen. Einige haben Tränen in den Augenwinkeln während sie sich von ihren Liebsten verabschieden. Der Großteil ist aber freudig und aufgeregt, steht ihnen doch eine abenteuerliche Luxus-Reise in ferne Länder bevor. Die Rede ist von einer Reise mit dem legendären Orient Express. Der Orient Express ist für zwei Dinge bekannt – für viel Luxus und einen Mord. Ob sich beides in Helmut Ohleys neuem Zugspiel findet?! Wir werden sehen…


Helmut Ohley macht Eisenbahnspiele. Diesen Stempel muss er sich gefallen lassen, hat er doch mit Russian Railroads, Trambahn und First Class nun drei Eisenbahnspiele in Folge veröffentlicht. Aber handelt es sich eigentlich bei seinen Spielen tatsächlich um “klassische” Eisenbahnspiele? Eigentlich war schon Russian Railroads nur in ein Eisenbahnthema gekleidet. Im Kern war es ein Euro-Game mit interessantem “Gleisbau”-Mechanismus. Mit German Railroads und American Railrods sind mittlerweile eine große und eine kleinere Erweiterung erschienen, die dem Spiel teilweise neue Elemente hinzufügen – so zum Beispiel unter anderem auch einen Solomodus. Es steht zu vermuten, dass hier weitere Ausbaustufen folgen werden. Trambahn hingegen ist ein reines Kartenspiel für zwei Personen und auch hier wieder nur thematisch in der Welt der Eisenbahn angesiedelt – der Mechanismus ließe sich wohl auf viele anderen Themen übertragen. Mit First Class, dem dritten Spiel in dieser Reihe an Eisenbahnveröffentlichungen verhält es sich ähnlich. Auch hier steht das Thema Eisenbahn etwas losgelöst vom Mechanismus, was dem Spiel an sich allerdings keinen Abbruch tut.

 

Wie es gespielt wird

First Class ist ein modular aufgebautes Kartenspiel, welches sich tendenziell auch an Gelegenheitsspieler richtet. Allerdings finden Vielspieler genügend Futter, um das Spiel regelmäßig auf den Tisch zu bringen. Dafür sorgen schon die fünf verschiedenen Module, aus denen man immer zwei in die Karten mischt und die hohe Variabilität der Kartenauslage.

Am Anfang fühlt es sich noch mühsam an…

Der Grundmechanismus ist eigentlich ganz einfach: In der Mitte des Tisches liegt eine Auslage von 18 Karten in drei Reihen – je sechs Karten pro Reihe. Aus dieser Auslage wählt man sich eine Karte aus und nutzt deren Effekt direkt. Dabei gibt es unterschiedliche Kartentypen. Um zu verstehen, was diese tun, schauen wir uns zunächst die Auslage der Spieler an. Jeder Spieler hat vor sich ein Tableau, an dem er an seinem Orient-Express baut oder “Strecke macht”. Neue Waggons für den Zug werden nach rechts angelegt – begonnen wird stets mit einem Waggon der Wertigkeit Null. An der anderen Anlegestelle – auf dem Spielertableau oben – wird die eigene Strecke erweitert. Durch das Erreichen von Städten können regelmäßige Bonusaktionen freigeschaltet bzw. Punkte erlangt werden. Die Karteneffekte der Karten, die man aus der Auslage nimmt, sorgen nun dafür, dass ich neue Waggons bekomme, bestehende Waggons aufwerte, meine Strecke ausbaue usw. Dabei gilt zu beachten, dass eine Reihe der Auslage immer dann abgeräumt wird, wenn so viele Karten genommen wurden wie Spieler mitspielen. Sind alle Reihen abgeräumt, hat jeder drei Karten genommen und die Runde endet.

Auch nicht zu verachten sind die Münzen, die man während des Spiels einsammeln kann. Diese werden auf dem Tableau von links unten beginnend abgelegt und dienen als eine Art Joker für zusätzliche Aktionen. Verbrauche ich sie nicht, sind sie am Ende Punkte wert.

Insgesamt werden zu Beginn des Spiels drei Kartenstapel gebildet, die im Spielverlauf nach und nach runtergespielt werden. Ist der Stapel mit der “1” leer kommt es zur ersten Wertung und so weiter. Die Wertung ist der hauptsächliche Siegpunktemotor des Spiels. Zunächst wird beginnend beim Startspieler geschaut, welche Bonusaktionen man auf seiner Strecke freigeschaltet hat. Dabei zählen nur solche Bonusaktionen als freigeschaltet, die man mit seiner Lok (ich muss bei der kleinen Lok und der Strecke irgendwie immer an Emma aus Lummerland denken) auch erreicht hat. Es nutzt also nichts ohne Ende Streckenkarten zu nehmen, wenn man die darauf befindlichen Städte nicht auch mit der Lok erreicht. Die Bonusaktionen kann man in beliebiger Reihenfolge nutzen und so seinen Zug vor der eigentlichen Wertung noch weiter aufwerten und so mehr Punkte für die folgende Zugwertung erlangen.

Strategie: Möglichst lange Züge bauen…

Die Zugwertung erinnert ein wenig an die Wertung von Russian Railroads: Je weiter es die Schaffner in dem jeweiligen Zug nach vorne geschafft haben, desto mehr Waggons werden gewertet – nämlich alle Waggons bis zu dem, in dem sich der Schaffner gerade befindet. Die Wagen geben Punkte in Abhängigkeit ihrer Wertigkeit – eventuell angelegte Aufwerter verdoppeln die Punkte noch mal, so dass ein 12er Waggon – die höchste Ausbaustufe – 24 Punkte einbringen kann.

Nach der dritten Runde ist Schluss und es gilt noch ein paar Sonderpunkte zu verteilen. Die sogenannten Spielende-Karten geben Punkte für gesammelte Kartentypen wie beispielsweise Schaffner-, Waggon- oder Lok-Karten und wer es geschafft einen seiner Schaffner als erster, zweiter oder dritter bis in die Lok zu bewegen, bekommt auch noch mal bis zu 20 Punkte. Schließlich gibt es noch Punkte für übrig gebliebenes Geld – ein Punkt je Geldstück.

Die anderen Module addieren nun Variationen der oben beschriebenen Mechanismen und es gibt teilweise sehr interessante Karteneffekte, die das Spiel noch mal deutlich verändern können und etwas komplexer machen. Gerade das Gleisbaumodul macht doch noch mal einiges anders und eröffnet eine dritte Kartenreihe zwischen den beiden Zügen, die deutlichen Einfluss auf die Wertung haben kann.

Noch ein paar Sätze zum viel diskutierten Modul “Mord im Orient Express”: Bei diesem Modul ist einer der Spieler der “Mörder” und alle Spieler sammeln neben Punkten noch Spielmarken mit Fingerabdrücken. Hat man am Ende zu viele Fingerabdrücke hinterlassen, wird man vor der Wertung verhaftet und scheidet aus. Das ist hart, aber thematisch korrekt, denn wer im Knast sitzt, kann nicht gewinnen. Nichtsdestotrotz ist dieses Modul nicht jedermanns Sache. Aber da das Spiel modular aufgebaut ist, kann man es ja einfach weglassen. Aus unserer Sicht aber eine lustige Variante, bei der man eben vermeiden muss, Fingerabdrücke zu hinterlassen…

 

Was uns gefallen hat

Zunächst sieht alles erst mal viel aus: Viele Karten, unterschiedliche Module, Spielertableaus und verschiedene Anlagepunkte für Karten. Zudem zahlreiche Symbole und viele kleine Mechanismen. Aber im Kern ist das nach zwei Spielzügen vergessen und man merkt dem Spiel seine Eleganz an. Hier ist nichts überflüssig, nichts verschwurbelt und alles am rechten Platz. Hat man sich erst mal eingespielt, geht alles sehr schnell und locker von der Hand.

Schön ordentlich im Orient Express

Der Kernmechanismus ist so einfach wie bestechend: Nimm eine Karte und tue, was diese verlangt. Dass es dabei natürlich vieles zu bedenken gibt, gefällt den Vielspielern. Gelegenheitsspieler können es aber auch einfach aus dem Bauch spielen und dabei erstmal nur auf ihr eigenes Tableau achten. Mit der Zeit wird man jedoch achtsamer und bedenkt bei der Wahl der Karte, dass die Reihe nach dem Nehmen der Karte abgeräumt wird und kann so dem Gegner die eine oder andere besonders vorteilhafte Aktion streitig machen. Das ist ärgerlich, aber nicht gemein. Und auch das gefällt an First Class, es ärgert einen kaum, wenn die beste Aktion nicht mehr verfügbar ist, da man mit nahezu jeder Karte auf dem Tisch etwas anfangen kann. Dadurch ist es eher taktisch und weniger strategisch, was auch wiederum in der Regel den Gelegenheitsspielern zugute kommt.

Außerdem funktioniert First Class in jedweder Besetzung wunderbar. Wobei ich sagen muss, dass es – abgesehen vom Mörder-Modul – insbesondere zu zweit gut gefällt. Dennoch, auch zu dritt oder zu viert funktioniert es locker flockig und spielt sich ohne große Downtime. Man hat eigentlich immer was zu tun und kann während den Zügen der anderen schon mal die Auslage nach den interessantesten Karten sondieren – und sich dann ärgern, wenn die gewünschte Karte in einer Reihe liegt, die dann abgeräumt wird…

Das Material ist klassisch gut gefertigt, hier leistet sich Hans im Glück keinen Ausrutscher. Besonders hervorzuheben ist das Tiefziehteil, in dem man alles schön säuberlich einordnen kann. Und vorausgedacht wurde auch schon: Das Tiefziehteil ist so gefertigt, dass auch eine Erweiterung noch hineinpassen wird – zumindest die erste…

 

Was uns nicht gefallen hat

Naturgemäß muss man bei einem modularen Kartenspiel erst die Module mit den Grundkarten mischen. Dies gilt es gewissenhaft zu tun, sonst könnte die Auslage unter Umständen zu einseitig ausfallen. Außerdem hat man am Ende des Spiels ein wenig Sortierbedarf, da man ja alle möglichen Waggonkarten vor sich liegen hat und auch die gewählten Karten aus der Auslage aus verschiedenen Modulen stammen. Das nervt manchmal, lässt sich aber umgehen, indem man einfach noch eine Partie spielt, dann ist wenigstens schon gut gemischt.

Die Länge des Spiels ist eigentlich gut bemessen, auch wenn man das Gefühl hat, dass man gerne noch eine Runde dranhängen würde. Denn nach der dritten Runde hat man seine “Maschine” aufgebaut und würde in der nächsten Runde richtig viele Punkte machen. Das Spiel endet somit gefühlt etwas zu früh. Aber warten wir ab, was Erweiterungen noch bringen.

Der Preis für das Spiel ist für viele Spieler “gefühlt” recht hoch, da es ja “nur” ein Kartenspiel ist. Das könnte dem Erfolg im Weg stehen. Leider. Denn es ist aus meiner Sicht eines dieser Spiele, dass Gelegenheitsspieler den Weg in ganz andere Spielekategorien erschließen könnte. Und wer First Class ein paar Mal gespielt hat, der wird auch mit Russian Railroads keine Probleme haben. Und seien wir mal ehrlich, wenn man ein Spiel mehr als zehnmal gerne spielt, darf es auch ein wenig mehr kosten als 19,99.

Was auch auffällt: Nach ein paar Partien weiß man schon sehr genau, welche Karten bei welcher Strategie die besten sind und das Spiel wirkt vordergründig etwas gleichförmig. Aber durch die variable Kartenauslage wird dies deutlich aufgebrochen und auch die anderen Module sorgen für Abwechslung.

 

Fazit

Auf der Spiel’16 in Essen war es eine der Neuheiten, hat mich jedoch kalt gelassen. Was für ein Fehler! Helmut Ohley hat es (erneut) geschafft, einen eleganten Mechanismus in ein Eisenbahnthema zu kleiden. Das schöne dabei: Es spricht Vielspieler und Gelegenheitsspieler gleichermaßen an – das muss man erst mal schaffen! Das Spiel ist auch nach vielen Partien immer wieder spielbar und bleibt stets variabel. Die Module tun ein übriges dazu. Inwiefern man das Mörder-Modul mag, muss jeder selber wissen. Ich finde es ein spaßige Variante, bei der das Ziel eben nicht einfach nur ist, die meisten Punkte zu bekommen.

First Class wurde in Nürnberg durch das Beeple Netzwerk bereits ausgezeichnet und die Aufmerksamkeit, die das Spiel bereits von Kritikern, Bloggern und Podcastern geschenkt bekommt, deutet aus meiner Sicht bereits an, dass es auch auf der Nominierungsliste zum Kennerspiel des Jahres landen wird. Die Auszeichnung wäre für das Spiel aus meiner Sicht absolut gerechtfertigt, denn ich sehe momentan keinen Kandidaten, der den Spagat zwischen Experten- und Familienspiel so gut hinbekommen hat wie First Class. Insofern wünsche ich Hans im Glück und Helmut Ohley eine gute Fahrt und freue mich schon auf die erste Erweiterung.

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Januar 12th, 2017 by Dirk

Die 1920er Jahre in einer amerikanischen Großstadt. Rauch steigt aus den Kanaldeckeln. Eine Limousine fährt vor. Ein paar Männer in gestreiften Anzügen und langen Trenchcoats steigen aus. Plötzlich fallen Schüsse. Grelle Polizeisirenen ertönen und eine wilde Schießerei entbrennt. Bilder wie diese gehen einem schon beim Betrachten des Prototyps von Arve D. Fühlers großem Spiel durch den Kopf. Wir durften den schon recht final wirkenden Prototyp von “Capone City” spielen und ich möchte einige Eindrücke dieser ersten Partie gerne teilen.


Als Gangsterboss muss man in “Capone City” in den unterschiedlichen Stadtvierteln präsent sein, um an Alkohol und Hehlerware zu komme. Diese Waren werden dann gewinnbringend gegen Siegpunkte auf einem der beiden Märkt veräußert.

“Capone City” wird von sechs verschiedenen Kartentypen angetrieben. Spielt man eine seiner drei Handkarten aus, muss man die damit verbundenen Ressourcen sofort einsetzen. So werden mit den Ressourcen Gangster in den Stadtteilen oder den äußeren Straßenbezirken platziert oder Waren gekauft bzw. verkauft. Ein Würfelmechanismus sorgt bei entsprechendem Ergebnis für weitere Ressourcen. Zusätzlich darf man seine mächtigen Freunde um einen Gefallen bitten, um bestehende Aktionen zu erweitern oder weitere Aktionen zu bekommen.

Der Grundmechanismus des Ausspielens der Karten sieht vor, dass man sich zunächst von den fünf verfügbaren Kartentypen (Boss, Vamp, Bad Guy, Best Boy, Schmuggler) einen Satz aus drei Handkarten zusammenstellt – die Freundeskarten kann man dabei nicht auswählen. Hat man sich für drei Handkarten entschieden, wird reihum immer eine Karte ausgespielt. Unterhalb seines Spielerbereichs werden die einzelnen Kartentypen in Reihen abgelegt. In Abhängigkeit der Anzahl an Karten, die bereits von einem Kartentyp gespielt wurden, verändert sich die Anzahl der Ressourcen, die man erhält. Bekommt man vom ersten Bad Guy noch drei Münzen, so sind es beim zweiten und dritten entsprechend weniger. Spielt man die vierte Karte in einer Reihe, wird diese abgeräumt und man beginnt wieder von vorne. Hierfür erhält man Punkte und rückt auf der Einflussskala nach vorne. Man will also auch gerne mal die eine oder andere Reihe abräumen, um Punkte und Einfluss zu erlangen. Zusätzlich hat jede Karte ein Würfelsymbol, das zusätzliche Ressourcen liefern kann, wenn man die richtige Zahl würfelt. Man muss also schon ein wenig planen, welche Kartentypen man wählt und welche man wann spielen möchte.

Beim Ausbringen der Gangster in die Stadtbezirke sind die Plätze an den Futtertöpfen begrenzt. Bei vier Spielern können maximal drei in einem Bezirk auf einem der Endfelder stehen und Alkohol oder Hehlerware kaufen. Ist ein Feld allerdings leer gekauft, wandern alle Gangster auf den drei Feldern in den Knast oder auf die Gefängnisinsel – sie waren zu gierig und sind aufgeflogen. Kommt ein vierter Gangster hinzu, fliegt ein anderer raus und kommt hinter Gitter (aus dem Gefängnis und von der Gefängnisinsel kann man seine Ganoven übrigens jederzeit freikaufen, wenn man eine Geldressource erhält). Ein ähnlicher Mechanismus findet sich bei den Straßenbezirken am Spielfeldrand. Ist man hier am Ende angelangt, kann man jedoch keine Waren kaufen, sondern kontrolliert einen Straßenzug. Erreicht man noch das Endfeld einer anderen Straße und kontrolliert damit den Schnittpunkt zwischen zwei Straßen, so hat man Vorteile beim Kauf von Waren in den entsprechenden angrenzenden Stadtbezirken.

Der Verkauf der ergaunerten Waren findet auf zwei unterschiedlichen Märkten statt. Ein Markt ist ausschließlich für die Hehlerware. Hier muss man die Waren unterschiedlicher Farbe in entsprechender Kombination abgeben, um Punkte zu bekommen. Entweder zwei gleiche, drei unterschiedliche oder vier unterschiedliche werden abgegeben und auf dem entsprechenden Farbfeld abgelegt. Sind alle Felder einer Farbe voll, ist der Markt gesättigt und man kann von dieser Farbe nichts mehr verkaufen. Beim Alkohol funktioniert das Ganze etwas anders. Hier platziert man seine Ganoven auf einer der entsprechenden Lieferkarten und gibt die farblich passenden Alkoholfässer ab – wie bei den Hehlerwaren gibt es hier vier unterschiedliche Farben. Ist eine Lieferung vollständig, hierbei können die unterschiedlichen Waren einer Lieferung allerdings von verschiedenen Spielern beigesteuert werden, kann sie ausgeliefert werden und in Abhängigkeit der Anzahl an eingesetzten Ganoven Punkte bringen. Jedoch ist die Auslieferung auch mit Gefahren verbunden, denn jeder der beteiligten Spieler einer Lieferung würfelt und verliert in Abhängigkeit des Ergebnisses eventuell Männer…ab ins Kittchen mit ihnen!

Kommen wir zum Schluss noch zu den Freunden. Diese stellen den Game Changer dar, erlauben sie doch zusätzliche Aktionen, liefern zusätzliche Ressourcen oder erweitern bzw. brechen bestehende Regeln. Hier kommt es darauf an, die Karten, die man durch bestimmte Felder erhalten kann, zum richtigen Zeitpunkt einzusetzen.

Das Spielende wird (im Prototyp) eingeläutet, wenn ein Spieler auf der Einflussskala einen bestimmten Wert erreicht hat. Diesen Wert steigert man durch verschiedene Auslöser im Spiel, beispielsweise durch das Spielen der vierten Karte in eine Reihe des persönlichen Bereichs. Steigt der Einfluss einer Familie, erhält man für jeden Schritt entweder eine Freunde-Karte (mittels Drafting-Mechanismus) oder einen der begehrten Steine, mit denen man auf seinem Spielerbrett verschiedene Zusatzaktionen freischalten kann – beispielsweise Tauschaktionen Geld gegen Freunde-Karten und ähnliches mehr. Diese Steine erhält man auch durch das Erreichen der Endfelder bei den Straßenbezirken am Rand, fliegt man aber dort raus, muss man diese aber auch wieder abgeben.

Am Ende gewinnt der Spieler mit den meisten Siegpunkten, dabei werden noch unvollständige Alkohollieferungen abgerechnet und auch bestehende und nicht eingesetzte Ressourcen liefern noch ein paar Punkte.

Bei Capone City handelt es sich um Arves bisher komplexestes Spiel und es gilt viele Faktoren und auch die Bosse (Spieler) der anderen Familien im Blick zu halten. Vor allem die Planung, welche der fünf Kartentypen man auf die Hand nimmt, ist entscheidend für das Gelingen der eigenen Strategie. Interaktion mit den anderen Spielern ist vorhanden, ohne einem jedoch permanent in die Parade zu fahren. Aber wenn die eigenen Gangster dauernd im Gefängnis landen, ist das insofern ärgerlich, als das man diese nicht mehr auf dem Spielplan zur Verfügung hat und das Auslösen Geld und Aktionen kostet, da man ja öfter die Geldkarte spielen muss. Die Gangster sind die Mangelware in “Capone City”. Ohne Gangster im eigenen Vorrat kann man nichts verkaufen oder in neuen Stadtbezirken Präsenz zeigen. Bei der Partie zu viert hat es ab und an ganz gut geraucht über unseren Köpfen. Insofern war es ein gelungener Testabend und wir hoffen, Arve noch ein paar wertvolle Hinweise für die Finalisierung des Spiels gegeben zu haben. Und vielleicht findet sich ja tatsächlich auf der Spielwarenmesse in Nürnberg ein Verleger für “Capone City”. Für uns war es ein Angebot, das wir auch in Zukunft nicht ablehnen können.

Ich bin wirklich gespannt, was daraus wird und wünsche Arve alles Gute für eine Veröffentlichung. Wir hatten viel Spaß und können es ja auch aufgrund der lokalen Nähe zu Arves Wohnsitz zum Glück jederzeit wieder spielen – ob veröffentlicht oder nicht. Und vielleicht habt ihr ja auch mal die Möglichkeit auf einem Spielefest oder ähnlichem einen Besuch in Capone City zu absolvieren.

Hier noch ein Hinweis, für alle die sich schon jetzt auf das Spiel freuen sollten:
Bitte beachtet, dass es sich bei der gespielten Version um einen Prototypen handelt, der sich bis zu einer möglichen Veröffentlichung noch mal gehörig verändern kann – sogar und vor allem das Thema könnte nochmal wechseln, auch wenn ich das schade fände.

Kleines Update:
Im Nachgang hat Arve bereits wieder am Prototyp gefeilt und neue kleine Ideen eingebaut und insbesondere das Spielende etwas anders gelöst.

 

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Dezember 11th, 2016 by Dirk

Risiko zählt wohl neben Monopoly & Co zu den bekanntesten und beliebtesten Spielen auf der Welt. Das bedeutet aber nicht, dass es gleichzeitig auch besonders gut sein muss. So steht Risiko bei Vielspielern immer wieder in der Kritik einfach zu glückslastig zu sein, da der maßgebliche Spielmechanismus ein recht einfacher Würfelmechanismus ist. Und dennoch fällt einem Großteil der Bevölkerung beim Thema Strategie(!!!)spiel dieser Klassiker sofort ein. Denn der große Vorteil von Risiko besteht in den vergleichsweise eingängigen Regeln. Betrachtet man ernsthaftere Spiele, die sich mit militärischen Konflikten beschäftigen (sog. Wargames), so sind diese in der Regel sehr komplex, haben eine (extrem) hohe Zugangshürde und sind somit nur was für echte Fans. Mit Memoir ’44 veröffentlichte Days of Wonder zwar ein auch für Gelegenheitsspieler gut spielbares Exemplar dieses Genres auf Basis des relativ einfachen Battlelore-Regelsatzes, allerdings ist es bisher nicht auf deutsch erhältlich.

Brett und Pad

Die App ist immer dabei…

Mit Leaders ist nun ein Spiel auf dem Markt gekommen, das ebenfalls mit relativ einfachen Regeln und einem Würfelmechanismus für die “Lösung” der Konflikte daherkommt, gleichzeitig aber durch seine App-Unterstützung auch ein sehr modernes Element hinzufügt. Ein erster Blick in das Spiel und sein Prinzip offenbart das Potenzial der Idee, die mich schon bei Die Alchemisten überzeugen konnte. Und da mit Road to Legend eine App-basierte Unterstützung für Descent herauskam, die sogar einen ganzen Spieler ersetzen kann, scheint immer klarer, dass die elektronische Unterstützung eines analogen Spiels, so paradox dies auch klingen mag, durchaus Sinn machen kann. Schauen wir uns Leaders mal etwas genauer an.

Um Transparenz zu schaffen, sei bereits an dieser Stelle vermerkt, dass mir für die Rezension ein kostenloses Exemplar von Rudy Games zur Verfügung gestellt wurde. Dies hat jedoch keinen Einfluss auf meine Bewertung des Spiels.

 

Wie es gespielt wird

Ein Blick in die Anleitung von Leaders ist erfreulich, denn sie ist kurz, erschreckend kurz sogar. Zunächst soll man sich die App herunterladen und ein Konto erstellen. Entweder man nutzt ein Tablet und lädt die entsprechende App aus dem App- oder Play-Store oder man nutzt die Web App mit einem Smartphone oder Laptop. Ich empfehle hier ganz klar die App auf dem Tablet, da die Informationen in den einzelnen Bildschirmen einfach besser zu sehen sind und das Ganze dennoch transportabel ist. Letzteres ist wichtig,da man mit nur einem Gerät spielt, welches um den Tisch wandert. Die App führt einen dann ganz gut durch den Spielaufbau hindurch, der allerdings auch in der Kurzanleitung gut beschrieben ist. Wählt man ein “Schnelles Spiel” gibt es genaue Vorgaben zum Aufbau des Spiels in Abhängigkeit der zuvor eingestellten Spielerzahl. Ist alles gemäß Vorgabe aufgebaut, kann es auch schon losgehen. Jeder Spieler hat vor sich ein Spielertableau mit ein paar Einheiten im Base Camp, seine Nationenkarte mit Sondereigenschaften sowie einen Vorrat an Einheiten. Nun muss man sich noch mal die kurzen Regeln zum Rundenablauf durchlesen, was in ca. zehn bis fünfzehn Minuten passiert ist.

Leaders Spielaufbau

Quelle: rudy Games

Die Handlungsmöglichkeiten erscheinen zunächst erst mal übersichtlich. In Abhängigkeit der Länder im Besitz eines Spielers erhält man Produktionspunkte, die in einer Leiste unterhalb des Spielplans abgetragen werden. Diese kann man einsetzen, um dann im Hauptquartier neue Truppen zu “produzieren”, Personen wie Botschafter oder Spione anzuheuern und Forschung zu betreiben. Letzteres liefert dem forschenden Spieler dann ab einer nachfolgenden Runde, auch daran erinnert einen die App während des Spiels, Sondereigenschaften wie beispielsweise einen zusätzlichen Würfelwurf im Kampf. Seinen Nachschub an Truppen und Gerät ordert man immer im Geheimen, so dass die anderen Spieler erst in der Folgerunde wissen, was man so im Köcher haben wird.

Die Hauptaktionen bestehen natürlich aus dem Platzieren und Bewegen von Truppen, um andere Länder einzunehmen. Grundsätzlich gilt, dass man alle Einheiten aus dem Base Camp ins Spiel bringen kann und auf die eigenen Länder verteilen kann. Ein Land kann so viele Einheiten aufnehmen, wie es Produktionspunkte aufweist. Dabei zählt alleine die Anzahl, nicht die Art der Einheiten. Ein paar Einheiten sollte man aber in der Hinterhand behalten, um sie im Verteidigungsfall ins Spiel bringen zu können. Anschließend dürfen sich die so platzierten Einheiten auf ein angrenzendes Land- oder Seefeld bewegen, wobei eine Einheit stets im Ausgangsfeld verbleiben muss. Stehen am Ende der Bewegungsphase unterschiedliche Nationen in einem Land, kommt es – wie sollte es anders sein – zum Kampf. Der wird auch hier mit Würfeln ausgetragen. Der verteidigende Spieler kann dabei noch zusätzliche Truppen aus seinem Base Camp in die umkämpfte Region entsenden. In Abhängigkeit der eingesetzten Einheiten wird mit unterschiedlichen Würfeln gewürfelt, die sich in ihrer Trefferwahrscheinlichkeit unterscheiden. Habe ich dem Gegner einen Treffer zugefügt, darf er (!!!) entscheiden, welche Einheiten er abgibt und welche Einheiten in der zweiten Runde gegebenenfalls weiterkämpfen. Dabei ist die aufsteigende Rangfolge der Einheiten: Infanterie, Panzer, Flugzeuge. Die App begleitet die Spieler dabei durch den Kampf. Steht am Ende nur noch eine oder etwa gar keine Nation in dem Gebiet endet der Kampf. Ein Rückzug ist ebenfalls möglich, kostet aber natürlich entsprechend ein paar Einheiten. Gewinnt der Angreifer oder haben sich die beiden Gegner ausgelöscht, muss man noch die Produktionsleiste angepasst werden. Gewinnt der Verteidiger, entfällt diese Anpassung.

Leaders App

Quelle: rudy Games

Wichtig ist natürlich auch die Phase, in der man die Einstellungen im Hauptquartier vornimmt. Dies geschieht wie schon gesagt im Geheimen und man kann über diese verdeckten Aktionen beispielsweise nicht nur Nachschub an Einheiten beordern, sondern vor allem auch Aktionen wie Spionage oder Diplomatie starten. Auch die Forschung startet man im Geheimen, das Ergebnis wird dann in einer der folgenden Runden für alle sichtbar auf dem Spielertableau abgetragen. Dass das im Geheimen passiert ist natürlich nur schlüssig und so kann man bspw. eine Allianz mit einem Spieler schmieden, der das Angebot dann in seiner “geheimen” Phase auf dem Bildschirm angezeigt bekommt. Nimmt er die Allianz an, bekommt der anbietende Spieler dies dann später ebenfalls angezeigt. Ab jetzt können die Felder des Allianzpartners wie eigene benutzt werden, so dass man in Gebiete einmarschieren kann, die vorher nicht erreichbar waren. Allianzen können natürlich auch wieder gelöst werden, wenn einem der Allianzpartner zu mächtig wird.

Je nach gewähltem Szenario und Spieltyp gibt es auch unterschiedliche Siegbedingungen. So kann man nicht nur mit reinem Eroberungsverhalten gewinnen, sondern auch durch Forschung und Missionen gewinnen. Das ist im Vergleich zum oben genannten Risiko interessant, da man eben nicht nur kriegerisch vorgeht, sondern sich auch auf andere Bereiche fokussiert. Zwar wird man sich trotzdem verteidigen müssen und kann sich dem Kampf nicht ganz entziehen, man muss aber nicht notgedrungen auf Teufel komm raus andere Länder überfallen und erobern.

 

Was gefallen hat

Zunächst mal muss man vor so einem Projekt den Hut ziehen. Man darf die Komplexität zwei so unterschiedliche Systeme wie ein analoges Brettspiel und einen digitalen Begleiter zu verbinden nicht unterschätzen. Zumal der Verlag – zumindest mir – bisher nie in dieser Richtung aufgefallen ist und ja auch kein Big Player ist, wie die anderen Verlage, die bisher bereits app-unterstützte Spiele veröffentlicht haben. Die unterschiedlichen Bestandteile müssen bei so einem System nahtlos ineinander greifen und jede Unschärfe in der App führt zu einem Auseinanderfallen der beiden Systeme. Hatte ich zunächst die Befürchtung, dass das Brettspiel im Grunde nur noch Offline-Display eines Online-Spiels ist, konnte dies im Rahmen des ersten Tests zerstreut werden. Die App unterstützt mich beim Spiel (bspw. indem sie mich durch den Kampf führt), aber das grundsätzliche Spiel findet nach wie vor auf dem Tisch statt und auch die Würfel werden auf dem Tisch gerollt.

leaders-in-space

Manchmal reicht auch die Herrschaft über einen Planeten Quelle: rudy Games

Die App kommt insbesondere dann ins Spiel, wenn verdeckte Aktionen gemacht werden,die direkt den Gegner betreffen. Bei Spionage kann man so den Gegner ausspionieren, ohne dass dieser es direkt mitbekommt (man darf sich natürlich auch nicht durch entsprechende Äußerungen selber verraten). Auch diplomatische Angebote zu einer Allianz können wie oben beschrieben verdeckt unterbreitet, angenommen und abgelehnt werden. Diese Art des Gameplays lässt sich durch herkömmliche Spielmaterialen wie Karten etc. kaum umsetzen, da die Mitspieler immer mitkriegen würden, wenn ich jemandem eine Allianz-Karte zuschiebe. Sicherlich gibt es auch da Möglichkeiten zum Bluff-Spiel, aber so richtig gut klappt das meistens nicht. Das ist für mich auch der überzeugendste Aspekt an der App-Unterstützung, die darüber hinaus auch ein wenig die Verwaltung der Produktionspunkte übernimmt und einen an die neu hinzuzufügenden Einheiten oder an die neuen Forschungsergebnisse erinnert.

Die App offeriert den Spielern zahlreiche Optionen zum Setup des Spiels, die somit sowohl für Neulinge passen wie auch für alte Hasen, die die Einheiten gerne selber platzieren möchten und keine Vorgabe zu den zu besetzenden Ländern haben möchten. Und hier steckt auch noch einiges Potenzial drin, da man durch App natürlich auch Updates übermitteln kann, die dann per App-Store an alle Spieler ausgeliefert werden und neue Features freischalten. Das muss ja auch nicht immer kostenlos sein und bei größeren Features sind viele Spieler sicherlich auch bereit mal den eine oder anderen Euro einzuwerfen. Ähnlich ist es übrigens auch bei den Erweiterungen, die neue Nationen durch einen Code freischalten und eigentlich nur aus der Nationenkarte und dem Code bestehen.

Schön ist auch, dass die Regel erst mal nur sehr übersichtlich daherkommt. So kann man auch Gelegenheitsspieler überzeugen das Spiel mal auszuprobieren.

Das Material ist grundsätzlich in Ordnung. Der Spielplan ist groß und aus gutem Karton gefertigt, die Spielertableaus sind gestanzt, so dass die platzierten Würfelchen nicht verrutschen können (was sich beispielsweise bei Terraforming Mars als Problemchen herausgestellt hat). Auch diese Spielertableaus sind aus dickem Karton gefertigt und sehr wertig. Das Material erscheint zu dem Preis erst mal sehr übersichtlich, aber man bezahlt natürlich auch die Entwicklung und Weiterentwicklung der App und der zukünftigen Updates mit. Und darin dürfte ein erheblicher Aufwand liegen. Zumal auch alle Spieler, die das Spiel einmal erstanden haben davon profitieren.

 

Was nicht gefallen hat

Leaders hat, wie bereits auf der positiven Seite vermerkt, eine sehr kurze Anleitung. Zwar fasst diese die wesentlichen Aspekte zum Spielaufbau und Rundenablauf zusammen, sitzt man dann aber vor dem aufgebauten Spiel und startet die App, kommt man sich schon ein wenig verloren vor – ‘Lost trotz Application’ sozusagen. Zwar gibt es eine ausführliche Beschreibung zu allen Aspekten des Spiels auf der Website, andererseits wünsche ich mir das dann noch stärker in die App integriert. Allerdings muss man sagen, dass Leaders nicht nur ein normales Spiel ist, sondern hier wird quasi am lebenden Objekt gearbeitet. Die App und auch das Regelwerk entwickeln sich aktuell noch weiter, so dass eine ausführliche gedruckte Anleitung auch gar keinen Sinn machen würde. Trotzdem wünsche ich mir mehr Informationen in der App.

image1Was in Abhängigkeit der Spieler-Charaktere zu einem Problem werden kann, ist die lange Downtime zwischen den einzelnen Spielzügen. Denn ist man am Zug, versinkt man schon ganz schön in der App bei der Planung im Hauptquartier. Das ist dem interaktiven Spielgeschehen natürlich nicht zuträglich.
Ein Multi-Device-Support wäre hier ggf. wünschenswert. So könnte jeder parallel bereits etwas planen und dann nur noch ausführen. So reduziert sich die Zeit, die der einzelne Spieler in der App verbringt während die anderen warten.
Ansonsten erschien mir die Anzahl der Einheiten insbesondere im Zwei- und Drei-Personen-Spiel etwas knapp zu sein. Hier könnte man für den Preis etwas mehr Material beilegen, damit man nicht auf die Farben der unbeteiligten Farben ausweichen muss.
Ein letzter Punkt noch zu der App – auch wenn ich weiß, dass diese laufend optimiert wird. Hier sollte man noch mal etwas auf die Nutzerfreundlichkeit achten. Teilweise gehen wichtige Dinge etwas unter und man sollte und man könnte vielleicht in der ersten Runde eines jeden Spiels noch mal stärker mit modalen Dialogen arbeiten, die den Nutzer dran erinnern, wo man was machen und finden kann. Vielleicht habe ich es auch übersehen, aber in den ersten Runden habe ich nicht alles ausgenutzt, was man hätte machen können.

 

Fazit

Der erste Eindruck der App-Unterstützung ist sehr positiv und besonders gut gefällt, dass die relevanten Aktion wie Spionage und das Knüpfen von Allianzen im Geheimen ausgeführt werden und nicht sofort offensichtlich sind. Allerdings steckt die ganze Entwicklung hier noch am Anfang und ich würde mir noch einiges an Weiterentwicklung in Bezug auf die Nutzerfreundlichkeit und Nutzerführung wünschen. Da die Entwickler das ganze System laufend überarbeiten und weiterentwickeln wollen, bleibt es spannend in dem Bereich der app-basierten oder app-unterstützten Spiele.
Ein Hinweis sei noch gestattet an dieser Stelle: Ich würde das Spiel eher erst ab einer Spielerzahl von drei Spielern empfehlen, zu zweit ist doch eher nur eine Notlösung und ich vermute – ich habe es wie gesagt nur angetestet bisher -, dass es ab vier Spielern erst richtig gut zur Sache gehen wird. Außerdem sollte man zu Beginn mit neuen Spielern das “Schnelle Spiel” wählen, damit alle reinkommen in das Spiel und die Mechanismen.

Zu empfehlen ist noch der Podcast von Manu zum Thema. Zudem plane ich noch ein kleines Interview mit den Entwicklern des Spiels und erhoffe mir hier noch ein paar Hinweise, wie es in Zukunft weitergehen soll bei Leaders. Vorstellbar wäre, dass man das Thema natürlich variieren und ich könnte mir hochinteressante Szenarien für Weltall- oder auch für Mittelalter-Themen (ich denke da an Fief und ähnliche Spiele) mit Legacy-Charakter vorstellen. Der Anfang ist gemacht und vielleicht wird hier eine ganz neue Tür aufgestoßen…

Quellen

Youtube-Channel mit Tutorials zu den wichtigsten Spielmechanismen

Insert Moin Podcast von Manu zu Leaders

Hunter & Cron – Demo auf der Spiel 2016

Website des Verlags mit den Regeln und FAQ

 

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