Alle Jahre wieder – Matthias Nagy und sein Adventskalender im Interview

Mit Matthias Nagy konnte ich einen Gesprächspartner gewinnen, der vielen Spieleliebhabern direkt oder aber auch nur indirekt bekannt sein dürfte. Er ist leidenschaftlicher Spieler, aktiver Podcaster beim Bretterwisser-Podcast und seit 1995 in der ein oder anderen Form in der Spieleszene präsent – seit 2002 dann endgültig auch in beruflicher Form. Seit 2010 arbeitet er als Freelancer und darf sich mittlerweile nicht nur „der feine Herr Redakteur“, sondern auch noch Verlagsinhaber schimpfen. Aktuell arbeitet er im Sales, Marketing, Design, Development, Organized Play, Consulting und etlichen andere Unterstützungen innerhalb der Brettspielszene, deren genaue Berufsbezeichnung er nicht mal nennen könnte. Kurz zusammengefasst: ein echtes Schwergewicht in der Szene mit sehr guter Vernetzung, der mit seinem Brettspiel-Adventskalender vor einem Jahr einen kleinen Kult inklusive florierendem Zweitmarkt ausgelöst hat. Dieser Adventskalender bildet jahrezeitentypisch den Auftakt unseres Gesprächs, aber es geht auch um die Bretterwisser und seinen Verlag Frosted Games (unter anderem um das geheimnisvolle Projekt 18). Viel Spaß beim Lesen.

Die Bilder im Artikel zeigen unterschiedliche Entwicklungsstände und Details der Prototypen des Brettspiel Adventskalenders und wurden durch Matthias zur Verfügung gestellt.


Der Brettspiel-Adventskalender ist gefühlt sehr gut angekommen. Wie bist du eigentlich auf diese Idee gekommen?

Wer mit Kindern lebt und denen jedes Jahr einen oder mehrere Adventskalender kaufen muss, wünscht sich zwangsläufig auch mal sowas für sich selber. Als ich mal wieder einen bestellte, kam mir die Idee in Erinnerung und ich habe mich aufgrund der freien Zeit einfach mal drangehängt und das gemacht. Ich habe dann die Zeit mit den Verlagen in Essen nicht nur genutzt, um mich als Dienstleister anzubieten, sondern auch, um das Projekt vorzustellen. Besonders wichtig war mir Klemens Franz, den ich als Illustrator haben wollte und der entsprechend sprachlos auf die Idee reagiert hat. Der Rest ist wie man so schön sagt Geschichte. Die Verlage haben sehr viel Vertrauen in mich gesteckt und ich bin froh sie nicht enttäuscht zu haben. Allerdings merke ich natürlich auch die Grenzen der Idee. Wer hat schon alle 24 Spiele, die er für den Inhalt bräuchte? Das beflügelt eben auch den Sekundärmarkt.

Der Brettspiel-Adventskalender enthält Promos und Mini-Erweiterungen zahlreicher großer aber auch kleinerer Verlage, die in der Regel so vorher nicht erhältlich waren. Wie muss man sich die Zusammenarbeit mit den Verlagen hierbei vorstellen? Werden die Sachen extra entwickelt oder liegen in den Schubladen der Verlage rum?

Die Zusammenarbeit ist vor allem sehr zeitintensiv. Es ist das eine, den Leuten ein Projekt vorzustellen und das andere, dieses dann auch durchzuziehen. Ich musste mit jedem Verlag mehrmals reden und sie über den aktuellen Stand informieren, was ich nun genau adv_proto-3brauche. Ich musste die Zusagen einsammeln, ich musste die Daten anfordern und ich musste das alles auch im zeitlichen Rahmen halten.
Was den Inhalt direkt angeht, so gibt es da sehr viele Unterschiede. Die einen haben ohnehin Ideen auf Halde, weil sie ihnen selber mal eingefallen sind oder weil sie beim Entwickeln übriggeblieben sind und nutzen dann einfach eine davon. Andere haben nicht genau die passende Idee und sind sich unsicher was man machen könnte. Dann komme ich gerne zur Hilfe und liefere Ideen. Bei manchen komme ich auch gleich von Anfang an mit einer Idee, die ich super fände und der Verlag überlegt dann, ob er das gut findet oder lieber mit was eigenes macht. Manchmal sind meine Ideen ja auch für das „falsche“ Spiel. Falls es aber dennoch klappt, freue ich mich dann um so mehr.

Hörer des Bretterwisser Podcast (wer ihn nicht kennt, dringend reinhören!) dürften wissen, dass du den Brettspiel-Adventskalender zusammen mit LudoFact entwickelt hast, die ihn dann auch produziert haben. Wie aufwändig war der Prozess und wie lange hat das gedauert?

adv_proto-1„Zusammen entwickelt“ ist schön formuliert. Ich habe auch LudoFact gesagt wie ich mir das vorstelle und die haben mir erklärt, dass es so nicht funktioniert. Die haben dann ein paar Gegenbeispiele entwickelt und der, der mir besonders gefallen hat, war wirtschaftlich nicht tragbar. Die entwickeln das auch nicht alles alleine, sondern haben da noch externe Zulieferer, die mit eigenen Vorschlägen kommen. Meine Aufgabe war es vor allem den Inhalt zu liefern. Aber ich habe natürlich mit dem Inhalt auch Vorgaben gemacht. Die Größen der Erweiterungen sowie deren Form sind ja entscheidend. Der Prozess selber hat locker sieben Monate gedauert und war mit vielen nervenaufreibenden Flüchen belegt. Aber entscheidend ist, was hinten rauskommt, hat mal ein Bundeskanzler gesagt. Und in diesem Fall bin ich damit sehr zufrieden.

Du hast nach dem Brettspiel-Adventskalender nicht aufgehört Ideen zu entwickeln, sondern auch noch das Osternest herausgegeben und dieses Jahr noch eine Kompaktversion des 2016er Kalenders in Essen angeboten. Was dürfen wir künftig in diesem Feld noch von deinem kleinen Verlag erwarten?

adv_proto-2Das Osternest war toll, aber vom Markt nicht in derselben Form akzeptiert. Ich wurde schon gefragt, wann ich etwas für das dritte große Fest im Jahr mache: Geburtstage. Aber irgendwie glaube ich, dass ich da ein großes Problem habe, das zu kommunizieren. Wir haben ja nicht alle am selben Tag Geburtstag. Zumindest nicht in diesem Land. Dennoch habe ich Ideen, die in ganz andere Richtungen gehen. Auf meinem Schreibtisch stapeln sich inzwischen etliche Spiele die ich als Ideen zugeschickt bekomme. Konkret arbeite ich an sieben Spiele-Projekten für die nächsten drei Jahre – neben den zu erwartenden Adventskalendern. Ob die aber alle aufgehen oder am Ende nur drei davon klappen, weiß ich natürlich nicht. Aber das ist auch Teil des Spaßes – nicht zu wissen, ob es aufgeht. Und als achtes Projekt on top, das „Projekt 18“. Da das aber erst in 2018 kommt, mag ich hier noch nicht allzu viel verraten. Außer, dass es ein typisches Frosted Games-Produkt ist. Und das wäre tatsächlich schade, wenn das nicht klappen würde. Sorry wenn ich hier noch nicht mehr sagen kann.

Abgesehen vom Brettspiel-Adventskalender gibst du mit deinem Verlag Frosted Games auch „richtige“ Spiele heraus. Mit „Die Zünfte von London“ ist erstmals ein richtig großes Spiel am Start. Wirst du künftig in dieser Richtung mehr in dein Programm aufnehmen?

Das mit den Spielen ist so ein Problem. Auf der einen Seite sehe ich mich nicht als Verlag der Spiele adv_proto-4macht und jedes der drei Spiele, die ich unter dem Verlagslabel habe, hat seine eigene Geschichte. Und nach dem Prinzip läuft es auch mit den zukünftigen Spielen. Bei einem Spiel, bin ich auf einen Autor zugegangen und habe ihm eine Idee unterbreitet, die er freudig aufgenommen hat und nun mit Begeisterung daran arbeitet. Das sollte auch zur Spiel 2017 fertig sein. Und da es eine Art Spiel ist, die es eigentlich nur bei drei mir bekannten Verlagen im Programm ist und die auch nur diese Art von Spielen machen, bin ich der Außenseiter. Das macht meinen Verlag vermutlich auch schwer zu fassen. Es wird auch in den nächsten Jahren Spiele geben, aber die sind alle sehr unterschiedlich.

Abschließend noch eine Frage zum Bretterwisser Podcast. Hier seid ihr in meiner Wahrnehmung ebenfalls sehr erfolgreich unterwegs und habt nun erstmals in Essen einen eigenen kleinen Stand gehabt. Wie soll es mit dem Podcast weitergehen – abgesehen von weiterhin regelmäßigen Sendungen? Habt ihr weitere Planungen, bspw. für einen BretterwisserCon oder ähnliches?

Ein Con wäre cool. 🙂 Aber: Nein, wir haben keine Planungen in diese Richtung. Der Stand hatte sich glücklicherweise ergeben, weil ich den Platz bei mir am Stand hatte. Ob das nächstes Jahr auch so klappt wissen wir nicht, aber wir würden es uns wünschen. Im Gegensatz zu vielen anderen in der Szene, die versuchen davon zu leben und entsprechende Projekte vorantreiben, ist es für uns drei immer noch ein Hobby, das wir neben Familie und Beruf noch mit Spaß machen. Wir sehen derzeit keinen Grund das zu ändern. Wir freuen uns über die ganze Unterstützung, die wir über Patreon und in den vielen Kommentaren erfahren. Vor allem das Geld macht es einfacher die richtigen Werkzeuge und Techniken einsetzen zu können und auch die Kosten die damit verbunden sind zu decken. Aber ob da mal mehr kommt, wissen wir nicht. Das Problem einer Con wäre z.B., dass wir in drei verschiedenen Ecken des Landes sind. Und sowas zu organisieren, das sehe ich bei Hunter & Cron, ist eine Mammutaufgabe, die nur mit sehr vielen Helfern und viel Zeit geht. Aber wer weiß was wir stattdessen aus dem Hut zaubern.

Vielen Dank für die Beantwortung der Fragen, Matthias.


Quellen

Homepage Frosted Games

Bretterwisser Podcast

Twitter-Account von Matthias Nagy

November 24th, 2016 by